Artikel Eine Nacht in Helmstedt/Marienborn an der DDR Grenze
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Ende der 80er Jahre lernte ich ein paar Freunde aus Oberbayern kennen. Ich selbst lebte in Berlin und fuhr regelmäßig in den Süden mit dem Auto. Bei diesen Fahrten nahm ich gelegentlich Tramper mit. So auch an jenem Abend, es war wohl im Jahr 1988.
Ich fuhr die Raststätte Nürnberg-Feucht an um nochmal zu tanken und an den Automaten mein letztes Geld für etwas Essbares sowie einem Kaffee auszugeben. Als ich zu meinem Wagen zurückkehrte, fiel mir ein junger Mann auf, der offensichtlich Ausschau nach einer Fahrgelegenheit hielt. Ich fragte ihn, ob er nach Berlin wolle, was er bejahte, ließ ihn einsteigen und weiter ging es. Schon bald bemerkte ich, dass dies eine Reise ohne viel Unterhaltung werden würde, da der Mann aus Italien kam und weder deutsch noch englisch sprach. Ich selbst verstehe kein italienisch.
Spät am Abend, vielleicht gegen 23 Uhr erreichten wir den Kontrollpunkt Rudolphstein, wo uns die bayerischen Zollbeamten nach den Papieren fragten. Ich deutete dem Italiener an, dass er mir seinen Ausweis geben müsse und erhielt einen reichlich abgegriffenen Zettel mit einem Passbild drauf. Diesen und meinen Pass reichte ich durch das Fenster der Kontrollbaracke. Die Zöllner gaben mir die Dokumente mit einem höhnischem Grinsen zurück und wünschten uns noch eine gute Fahrt und einen angenehmen Abend. Vielleicht sollte ich dabei erwähnen, dass mein damaliges Outfit etwas punkig war und ich somit nicht unbedingt mit der vollen Sympathie der Zöllner rechnete, war aber dann doch überrascht über deren Lächeln in ihren Gesichtern.
Die Fahrt ging weiter und wir überschritten die weiße Linie, die anzeigte, dass hier die DDR beginnen würde. Auf dem Mittelstreifen wies eine gigantische Betonsäule mit DDR Emblem darauf hin, wer ab jetzt das sagen hatte. Nach einigen hundert Metern durchfuhren wir das Eingangstor mit den ersten Sprerrelementen, passierten den Slalompark und reihten uns ein in eine der Warteschlangen auf dem Gelände des Grenzüberganges. Die Kontrollen für den Transitverkehr nach Berlin (West) gingen damals im allgemeinen schnell und reibungslos von statten, so dass ich davon aus ging, in wenigen Stunden zu Hause zu sein.
Wir waren an der Reihe. Eine Ampel schaltete auf rot und ich fuhr bis zur Markierung vor und stellte den Motor ab. Eine geheimnissvolle Hand kam aus einem kleinen Fenster und verlangte nach den Papieren, die ich dieser übergab. Dann ging die Fahrt schrittweise weiter, parallel mit einem Fließband, auf dem die Pässe in eine weitere Kontrollbaracke gefahren wurden. Dort angekommen winkte mich eine Hand an die nächste Haltelinie und ein Grenzkontrolleur kam auf mein Auto zu und gab mir zu verstehen, dass ich bitte schön mal Rechts rann fahren solle. Ich stellte den Wagen ab und ging zu dem Kontrollhäuschenfenster.
Der Posten da drinnen zeigte mir den Zettel von dem Italiener und fragte mich: “Was issn des da?“
„Ich weiß nicht. Wird wohl der Ausweis von meinem Mitfahrer sein. Ich kenne ihn nicht. Er ist nur ein Tramper aus Italien, der kein Wort deutsch spricht.“
„Na damid gömmse bei uns nich dorch.“, antwortete der Posten in wohlklingendem Sächsisch.
Ich war ratlos. Was nun. Nach kurzem nachdenken fragte ich, „Können wir wieder zurück fahren? Ich würde den Mann dann auf einem Parkplatz absetzen und allein wieder kommen.“
„Nö,“ was die Antwort, „Das ist die Einreise, da gönnse nich ausreisen.“
Ich bat ihn, mir zu helfen, ich könne ja schlecht für immer auf dem Grenzübergang bleiben. Irgendwie muss es doch schließlich weitergehen. Ging es auch. Der Passkontrolleur zeigte auf ein etwas abseits stehendes keines Haus, dort könnten wir ein Transitvisum für den Italiener ausstellen lassen. Also liefen wir zu jenem Haus. Die Tür stand offen. Es gab einen kleinen Warteraum, in einer Ecke stand ein etwas altertümlicher Fotoautomat, ein einzelnes Schalterfenster war verschlossen und hinter der Scheibe befand sich eine zugezogene Gardine. Wir warteten etwa 20 Minuten, danach lief ich zu dem Posten zurück und erklärte ihm, dass da niemand sei.
„Da müssnse eben wordn. Da gimmt schon wer.“
Na gut. Also warteten wir. Nach einer Stunde marschierte eine kleine uniformierte Frau mittleren Alters mit strengen Zügen auf. Sie benötigte einige Zeit, um innerhalb des Schalters diverse Schränke aufzuschließen, Stühle zu verrücken und wer weiß was noch alles zu tun, bis sie dann endlich den Vorhang zur Seite zog und die Sprechklappe öffnete.
„Guten Abend,“ begann ich. „Ich hab hier einen Mitfahrer aus Italien, der über keine Papiere verfügt. Jetzt würde ich sie bitten, ihm ein Transitvisum auszustellen.“
„Das macht 10 Mark.“ war ihre präzise Antwort. Ich suchte mein Geld ab, hatte aber nur knapp 5 Mark bei mir. Der Italiener hatte gar nichts.
„Tut mir leid, wir haben keine 10 Mark mehr.“
„Dann müssen sie sich Geld besorgen.“
„Ja aber wie sollen wir denn auf dem Grenzübergang zu Geld kommen?“
„Fragen sie andere Reisende.“ Sie schloss die Klappe, zog den Vorhang zu, schaltete das Licht aus und verließ uns wieder.
Ich lief zurück zum Kontrollbereich. Ein paar Fahrzeuge standen in den Warteschlagen. Also klopfte ich an die Fenster der Autos. Nun stelle man sich die Gesichter der Leute da drinnen vor: Die sitzen in ihren Autos auf der Fahrt durch den Transit nach Westberlin, aufgeregt, weil man eben immer irgendwie aufgeregt war, wenn man durch die Grenzübergänge musste und dann klopft da mitten in der Nacht, mitten auf einem DDR-Grenzübergang ein Punker an die Scheibe und fragt nach etwas Kleingeld. Ich versuchte natürlich meinen Fall zu schildern, aber einige Leute wagten kaum, ihr Fenster zu öffnen. Bei den meisten Reisenden stieß ich auf Ablehnung. Es dauerte so seine Zeit, bis ich zusammen 10 DM hatte, womit ich dann wieder in das Wartehaus zurück lief.
Der Italiener machte es sich inzwischen gemütlich da drin und schlief. Es dauerte eine Ewigkeit, bis die nette Grenzkontrollfrau wieder zurück kam. Wiederum benötigte sie sehr viel Zeit und Ruhe, um ihre Schalterbox auf „online“ zu schalten. Als sie das Fenster öffnete, gab ich ihr stolz meine erbettelten 10 DM. Sie schrieb mir eine Quittung aus, nahm einen Blanko-Transitpass und begann, die Personalien des Italieners aufzunehmen. Als sie fertig war, sagte sie „Zwei Passbilder bitte!“
Ich deutete meinem Mitfahrer an, dass er jetzt Fotos abgeben müsste. Die Welt wäre einfach zu schön, wenn er welche dabei gehabt hätte.
Unsere Uniformierte zeigte noch auf den Fotoautomat und schloss dann wieder den Schalter, um sich schnell zu verziehen.
An irgendwen erinnerte sie mich. Da fiel es mir ein. In dem Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ gibt es eine Szene am Ende der Geschichte, als McMurphy und der Indianer ihre Abschiedsparty geben wollen und den Nachtwächter auf der Station mit einer jungen Frau gefügig machen. Da taucht eine eiserne Nachtschwester auf, die dem Nachtwächter zu verstehen gibt, sofort diese Frau aus dem Haus zu werfen. Das muss unsere Kontrollfrau gewesen sein, zumindest dem Typ nach.
Ich lief erneut auf die Piste, zu den wartenden Autos vor der Abfertigung und erbettelte mir 2 DM, die wir nun für den Automaten brauchten.
Irgendwann hatten wir auch Passbilder und es war weniger erfreulich, dass unsere Nachtschwester noch immer nicht zurück kam. Ich lief schon etwas provokativ auf dem Grenzübergang herum, damit ich auch mal zur Kenntniss genommen werde. Und dann kam sie ja wieder, verschwand in ihrem Schalter, räumte herum und schloss Schränke auf und dann „ssssst“, öffnete sich der Vorhang auf, das Spiel beginnt. Es war wie im Kasperletheater. Tri-Tra-Trallala, die böse Fee ist wieder da, „Was kann ich für sie tun?“
Ich reichte die Bilder durchs Fenster und sie sagte, sie bekäme jetzt 5 Mark fürs Visum. Ich glaubte zuerst, mich verhört zu haben. Wir hatten doch schon am Anfang 10 Mark fürs Visum bezahlt.
„Nein, das war für den Transitpass. Aber sie brauchen auch ein Transitvisum. 5 Mark bitte!“
„Machen sie eine Pause. Ich muss das Geld erst organisieren.“
Sie verschwand auf gewohnte Weise und ich rannte erneut aus dem Haus und begab mich zwischen die Warteschlangen um nach 5 Mark zu fragen. Inzwischen war ich es auch leid, jedem die Geschichte zu erzählen, sie wurde schließlich auch immer länger und die wenigsten wollten sie hören. Andererseits war mit ‚Ham se mal 5 Mark‘ auch kein Blumentopf zu gewinnen.
Doch da schickte mir der Himmel einen klapprigen Wagen und da drinnen saßen ein paar junge Leute, die offensichtlich der Dark-Wave Szene zuzuordnen waren. Die wollten die Geschichte tatsächlich hören und stellten ganz viele Fragen, wie lange wir hier schon rumhängen und so. Dann gaben sie mir 5 Mark. Ich hätte sie alle am liebsten geküsst und einzeln umarmt.
In der Wartebox warteten wir lange, bis jener Giftzwerg anmarschiert kam. Ich überlegte in der Zwischenzeit, was ihr als nächstes einfallen könnte. Vielleicht eine Aufenthaltsgebür, weil wir schon so lange im Grenzhäuschen waren? Mal schaun.
Sie öffnete ihr Kasperle-Theater und zu meinem blankem Erstaunen erhielt der Italiener einen Transitpass mit Visum. Ich war echt von den Socken.
Der Rest ging das schnell. Wir reisten im Morgengrauen in die DDR, fuhren ohne Beanstandung ein paar Stunden diese schlaglochübersähte Straße ab, redeten kein Wort miteinander und kamen ohne Probleme in Dreilinden über die Grenze nach West-Berlin.
Hier fragte ich meinen Mitfahrer, um ich dann irgendwo, wo es günstig für ihn wäre, absetzen könnte. Doch das Glück war auf seiner Seite und er bat, zu einer Pizzeria in der Gothaer Straße in Schöneberg gefahren zu werden. Das war noch nicht mal ein Umweg für mich, da ich dort ganz in der Nähe wohne. Ich ließ ihn vor der Pizzeria aus dem Auto und sah ihn nie wieder.
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