4.23

Artikel Der Generationenvertrag – Rechnung ohne Zukunft?

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Der Generationenvertrag – Rechnung ohne Zukunft?

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Immer öfter hört man in der letzten Zeit Argumente, die den Generationenvertrag
totsagen. Der Grundgedanke dieser Argumentationen lautet, der Generationenvertrag
ist überholt, nicht mehr zeitgerecht, nicht mehr finanzierbar.

Oh Ihr Kritiker, sagt mir doch bitte, was ist denn überhaupt der Generationenvertrag,
den Ihr so verteufelt. Sagt mir doch bitte, wie soll eine menschliche Gesellschaft
ohne den Generationenvertrag funktionieren. Ihr verwechselt den Generationenvertrag
mit seinen Produkten, mit den staatlichen Mitteln, mit denen er realisiert
werden soll.

Doch schweifen wir erst einmal ab, verlassen wir den Bereich des hochentwickelten
Individuum, begeben wir uns zu den "niederen Kreaturen". Sehen wir uns
doch die so rührenden Bilder von treusorgenden Tiermüttern und
-vätern an. Hier wirkt ebenfalls ein "Generationenvertrag". Begründet
in der Notwendigkeit zur Erhaltung der Art wird der Nachwuchs betreut,
"lebt auf Kosten der Eltern".

Zurück zur menschlichen Gesellschaft. Auch hier wirkt dieses Prinzip.
Nur wurde der Generationenvertrag wohl auch aus ethischer Sicht um ein
Element erweitert, neben der Sorge für die Kinder kommt die Sorge
für die Eltern hinzu. Nicht umsonst steht geschrieben:

"Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren ......."

Ihr Kritiker vergegenwärtigt Euch doch einmal, der Generationenvertrag
ist doch nichts weiter als eine als Begriff gefaßte biologische Notwendigkeit
mit ethischen Komponenten. So wie das Kind erwarten kann, von seinen Eltern
versorgt zu werden, so hat auch der ältere Mensch einen Anspruch darauf.
Und wer den Generationenvertrag tot sagt und dafür die Altersstruktur
der Gesellschaft verantwortlich macht, verkennt vollkommen, daß erst
durch den Generationenvertrag die höhere Lebenserwartung begründet
ist. Der ältere Mensch ist nun einmal nicht in der Lage für seinen
Lebensunterhalt selbst aufzukommen. Und er ist in Vorleistung für
sein Alter getreten. Er hat für seine Kinder gesorgt, auch in der
Erwartung, daß diese ihm im Alter einen Lebensabend in Würde
ermöglichen werden.

Laßt also Eure Finger vom Generationenvertrag.


Wendet Euch lieber
den eigentlichen Problemen zu, der Frage wie diese Notwendigkeit gestaltet
werden kann. Und dann sind wir beim Thema.


Generationenvertrag in Gefahr?


Wenn eines in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland
verlässlich war, dann war es das gesetzliche Rentensystem. Der
Slogan "Die Rente ist sicher" wurde im Laufe der Jahre zum
geflügelten Wort. Doch wer den Satz heute ernsthaft zitieren
wollte, würde wohl ausgelacht. Der Glaube an die
Zukunftsfähigkeit des Systems ist erschüttert. Inzwischen
schätzen laut einer Umfrage des Deutschen Instituts für
Altersvorsorge 84 Prozent der Menschen, dass man sich auf die
gesetzliche Rente allein nicht mehr verlassen kann. Und die
Verunsicherung wächst. Denn kaum ein Tag vergeht ohne neue
Rentendebatte. Doch der Reformbedarf ist heftig umstritten. Keine
Frage: Das Rentensystem steht unter Druck.


Wo stecken die Kernprobleme?


Generationenvertrag


Das
System der gesetzlichen Rentenversicherung basiert auf dem so genannten
"Generationenvertrag". Kurz gesagt: Die Jungen finanzieren die Alten.
Das funktioniert nach einem einfachen Prinzip - dem Umlageverfahren.
Das heißt: Die erwerbstätigen Arbeiter und Angestellten
zahlen in die Rentenkasse Beiträge ein. Das Geld wird keineswegs
angespart, sondern sofort wieder an die Rentner ausgeschüttet. Die
Beitragszahler erwerben aber für ihr Alter Rentenansprüche,
die dann von der nächsten Generation der Erwerbstätigen
eingelöst werden müssen.


Genau
hier steckt ein Kernproblem:


Dieses System funktioniert nur so lange
reibungslos, wie genügend Junge nachwachsen. Konrad Adenauer
setzte noch auf die Stabilität des Generationenvertrages, weil er
glaubte: "Kinder kriegen die Leute sowieso." Zu Adenauers Zeit stimmte
das, heute aber nicht mehr. Deshalb hat Deutschland ein demographisches
Problem, das sich in den nächsten Jahrzehnten gravierend
verschärfen wird: Immer weniger Junge werden künftig die
Renten von immer mehr Älteren finanzieren müssen. 1995 kamen
auf 100 Beitragszahler gut 40 Rentner, im Jahr 2030 werden es etwa 70
sein.


Rentenbezugszeit


Die
Lebenserwartung in Deutschland nimmt erfreulicherweise zu. Deshalb
beziehen ältere Menschen nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben
länger Rente. 1960 betrug die durchschnittliche Rentenbezugszeit
etwa zehn Jahre. Bereits 1996 waren es im Schnitt 15,9 Jahre. Da die
Lebenserwartung weiter steigt, wird sich aller Voraussicht nach auch
die Rentenbezugsdauer in den nächsten Jahrzehnten noch um einige
Jahre erhöhen.


Renteneintrittsalter


Junge
Menschen stecken heute meist länger als früher in Schule und
Ausbildung. Sie treten später ins Erwerbsleben ein. Sie gehen
heute aber auch früher als ihre Eltern und Großeltern in
Rente. Das heißt: Die Berufsphase, in der sie Rentenbeiträge
zahlen, wird kürzer. Derzeit gehen die Deutschen im Durchschnitt
nicht mit 65 in Rente, sondern mit 60,2 Jahren. Der frühe
Renteneintritt belastet die Rentenkasse jährlich mit hohen
Milliardenbeträgen.


Rentenversicherungsbeitrag


Das
Rentensystem finanziert sich vor allem aus Beiträgen, die
Arbeitgeber und Arbeitnehmer je zur Hälfte zahlen. Der derzeit
gültige Beitragssatz von 19,1 Prozent ist fällig auf das
monatliche Bruttoeinkommen bis zur so genannten
Beitragsbemessungsgrenze von 4500 Euro (West) und 3730 Euro (Ost). Im
kommenden Jahr soll der Beitrag auf 19,5 Prozent steigen und die
Bemessungsgrenze angehoben werden auf 5100 Euro (West) und 4275 Euro
(Ost). Gleichzeitig pumpt aber der Staat jährlich derzeit etwa 50
Milliarden Euro zusätzlich in das Rentensystem hinein.


Wir müssen heute die Weichen stellen, um
die demografischen Herausforderungen von morgen und übermorgen
bewältigen zu können. Die Erhöhung des
Renteneintrittsalters auf das vollendete 67. Lebensjahr ist keine
„Herzensangelegenheit“ der SPD. Sie geht auf eine Forderung
von CDU/CSU zurück, die sich dafür einsetzte, dass diese
Regelung in den Koalitionsvertrag aufgenommen wurde.


Die Erhöhung ist aber vertretbar, da die
Menschen nicht nur länger leben, sondern eben auch länger
gesund, aktiv und leistungsfähig sind. Hinzu kommt, dass sich in
den letzten Jahren die Zeitspanne, in der die Menschen
erwerbstätig waren, deutlich verkürzt hat: Im Durchschnitt
fand der Eintritt in das Berufsleben mit 21 Jahren statt – und
mit durchschnittlich 60,8 Jahren fand der Eintritt in den Ruhestand
statt.


Die gesetzliche Anhebung der Regelaltersgrenze
darf dabei nicht isoliert betrachtet werden: Von entscheidender
Bedeutung ist es nun, dass durch verbesserte Bedingungen am
Arbeitsplatz, einen Mentalitätswechsel in den Führungsetagen
und einen generellen Anstieg der Beschäftigung die älteren
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer tatsächlich bis zum
Renteneintritt im Betrieb verbleiben können.


Wenn dies gelingt und außerdem die
Frauenerwerbsquote deutlich gesteigert werden kann, sind die
Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Sozialversicherungen zu
bewältigen – von einem „Strukturproblem des
Rentensystems“ kann daher nicht gesprochen werden.


Der Generationenvertrag ist und bleibt das
tragende Prinzip für die gesetzliche Altersvorsorge, die in
Zukunft jedoch durch betriebliche und private Vorsorge ergänzt
werden muss.


Mit ihrer Kampagne gegen die Rente mit 67 hat die IG Metall im
vergangenen Jahr einen Treffer gelandet. In den Betrieben griff sie die
Ängste der Menschen auf, die sich überrollt fühlen von Veränderungen,
die tief in ihre Lebensplanung eingreifen. In der Politik setzte sie
die SPD derart unter Druck, bis diese einknickte und das Aufweichen der
eigenen Reform zum Regierungshandeln der großen Koalition wurde.

Es
ist logisch und klug aus Sicht der größten deutschen Gewerkschaft, es
nicht bei diesem Nein zu belassen. Mit ihrem Modell für einen neuen
Generationenvertrag legt die IG Metall ein Konzept vor, das die
rentenpolitische Debatte bis zur Bundestagswahl 2009 und darüber hinaus
bereichern kann.


Wohltuend hebt sich das Modell ab von unverantwortlichen Versuchen,
Jung gegen Alt gegeneinander aufzuhetzen. Statt wie der frühere
Bundespräsident Roman Herzog die Gegensätze zu betonen und von einer
"Rentnerdemokratie" zu schwadronieren, hebt die IG Metall das
Verbindende zwischen den Generationen hervor. Sie geht neue Wege, indem
sie nicht wie früher das bestehende System verteidigt, das sich schon
deswegen nicht verteidigen lässt, weil es längst ausgehöhlt ist.


Sinnvolle Überlegungen


Das
Fünf-Punkte-Programm zielt im Kern darauf ab, neue Finanzierungsquellen
für die Alterssicherung zu erschließen beziehungsweise alte neu
anzuzapfen. Alle Erwerbstätigen, nicht nur die Arbeitnehmer, sollen in
die Rentenkasse einzahlen. Der Staat soll seinen aus Steuergeldern
finanzierten Anteil aufstocken. Zudem verlangt die IG Metall - was
niemand überraschen kann -, die Arbeitgeber wieder stärker in die
Pflicht zu nehmen für ihre Angestellten auch über die aktive
Berufsphase hinaus.

All das sind sinnvolle Überlegungen, die zu einer gerechten, sozial wie wirtschaftlich verträglichen Rente beitragen können.

Unverständlich
bleibt der anhaltende Widerstand gegen die Verlängerung der Arbeitszeit
über den 65. Geburtstag hinaus. Dass die längere Lebenserwartung im
Rentensystem keinen Niederschlag finden darf, lässt sich sachlich nicht
begründen. Die Menschen dürfen sich freuen über die zusätzliche Zeit,
die ihnen bleibt. Die Gesellschaft aber muss eine neue Balance finden
zwischen den Lebensphasen.


Quelle: IGM; FAZ; finanznachrichten, verdi




1 Kommentar

Kommentare zu Der Generationenvertrag – Rechnung ohne Zukunft?

 

mindmindam 18.07.08


Gut geschrieben, jogi, auch wenn sehr gewerkschaftsfreundlich. Ob die Gewerkschaftsforderungen so umsetzbar sind, ist fraglich, aber diskussionswürdig.


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