Artikel Was ist eine Sekte?
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Häufig
wird gefragt, ob diese oder jene Gruppe eine ,,Sekte” ist. Oder jemand
will wissen, ob eine von ihm benannte Gemeinschaft ,,auf der
Sektenliste” steht. Das Bild von der ,,Sektenliste” setzt voraus, daß
es griffige und leicht anwendbare Kriterien gäbe, mit denen zwischen
,,guten” und ,,schlechten” Religionsgemeinschaften und damit seriösen
Kirchen und eben (problematischen) ,,Sekten” schnell unterschieden
werden könnte.
Es
gibt jedoch keine ,,schwarze Liste”, auf welcher die ,,gefährlichen”
Sekten aufgeführt sind. Aufgrund unserer Erfahrungen können wir im
Einzelfall jedoch sagen, ob es sich um eine Gruppe handelt, in deren
Umfeld es häufiger Konflikte gibt, oder warum wir das Glaubensleben
einer bestimmten Gemeinschaft kritisch sehen.
Der theologische Sektenbegriff
Das
Problem besteht darin, daß der Begriff ,,Sekte” auf zwei
unterschiedlichen Ebenen benutzt wird. So gibt es eine theologische
Ebene des Sektenbegriffs: Sekte bedeutet hier eine Abspaltung von einer
großen Kirche. Aus der Sicht dieser Kirche hat die abgespaltene Gruppe
den Boden des gemeinsamen Glaubens verlassen oder die alten
Glaubenswahrheiten verändert und ist somit zur ,,Sekte” geworden. Meist
verschlechtert sich die Beziehung zwischen beiden soweit, daß die Sekte
ihrer Mutterkirche jegliche Glaubwürdigkeit abspricht und für sich
selbst beansprucht, den einzig wahren Weg zu Gott oder zum Heil des
Menschen zu kennen. Häufig fordert sie von ihren Anhängern im gleichen
Atemzug totale Unterordnung.
Dieser
Prozeß der ,,Versektung” läßt sich am Beispiel der Zeugen Jehovas gut
zeigen: Ursprünglich hatten sich lediglich einige besorgte Menschen zum
Bibellesen zusammengefunden. Diese wollten keinesfalls eine ,,Sekte”
gründen. Im Laufe der Jahre entstand in diesem Kreis jedoch die
Überzeugung, daß nur hier das Wort Gottes angemessen gedeutet und
verstanden werden kann und die großen Kirchen verdorben seien. Immer
mehr definierten sich die Zeugen Jehovas gerade über ihre Ablehnung all
dessen, was den christlichen Kirchen lieb und wichtig ist: Sie lehnen
die christlichen Feste und Sakramente ab, deuten die Heilige Schrift um
und behaupten, alle Kirchen und Weltreligionen seien Teil des Bösen.
Damit ist aus den Bibelforschern des 19. Jahrhunderts eine ,,Sekte”
geworden.
Heute
zählt man die Zeugen Jehovas neben der Neuapostolischen Kirche und
anderen Gemeinschaften zu den ,,klassischen christlichen
Sondergemeinschaften”, oder eben verkürzt zu den “klassischen Sekten”.
Diese haben eine christliche Wurzel, sie entziehen sich (mehr oder
weniger) ökumenischer Zusammenarbeit mit anderen christlichen
Gemeinschaften und beanspruchen für sich, den einzig richtigen Weg zum
Heil zu kennen.
Der umgangssprachliche Sektenbegriff
Diese
zweite Ebene des Sektenbegriffs überlagert den theologischen
Sektenbegriff. Was meinen die privaten Fernsehsender und viele
Boulevardzeitungen, wenn sie von ,,Sekten” reden?
Hier
wird der Sektenbegriff genutzt, um in erster Linie eine Abweichung vom
Wertekonsens der Gesellschaft zu benennen: Eine Gruppe wird als
,,Sekte” empfunden, die (im harmlosen Fall) aus der bürgerlichen Welt
aussteigt und zurückgezogen in einer Landkommune lebt, oder die radikal
aussteigt, fremde Heilsideen aufnimmt und skrupellos die eigenen
Interessen verfolgt.
Auch
hierzu ein Beispiel: Das ,,Zentrum für experimentelle
Gesellschaftsgestaltung” (ZEGG) in Belzig / Brandenburg wird
umgangssprachlich gerne als ,,Sekte” bezeichnet. Das ist insofern
plausibel, als im ZEGG behauptet wird, daß der wahrhaft befreite und
neue Mensch entstehen kann, wenn jeder einzelne ohne Rücksicht auf
bürgerliche Werte und Ordnungen seine Sexualität auslebt. Diese Sicht
des Menschen ist jedoch einseitig und konfliktträchtig. Die Verheißung
einer solchen ,,Befreiung” führt häufig in neue Engführungen. Was hat
das ZEGG mit einer ,,Sekte” zu tun? Das ZEGG ist keine Religion und
damit auch keine Abspaltung von einer Mutterreligion, seine Deutung des
Menschen ist jedoch eindimensional, ideologiegeladen und
wirklichkeitsfern, also eben doch im weiteren Sinne ,,sektiererisch”.
Der
umgangssprachliche Sektenbegriff will also nicht in erster Linie die
Abspaltung von einer Mutterkirche aufzeigen, wohl aber auf ethische
Entgleisungen hinweisen: Wenn beispielsweise die ,,Holosophische
Gesellschaft” um den Guru Sant Thakar Singh mit obskuren
Meditationsvorstellungen Kinder mißhandelt, dann wird die
Öffentlichkeit hier von einer ,,Sekte” reden. Dabei bleibt die Frage,
ob es sich bei Thakar Sing um eine ,,Sekte” im theologischen Sinn
handelt, ungeklärt.
Noch
deutlicher wird dieser umgangssprachliche Gebrauch des Sektenbegriffs
mit Blick auf die derzeit in der Öffentlichkeit viel diskutierte
Scientology-Organisation. Bei Scientology handelt es sich weder um eine
Abspaltung von einer Mutterreligion noch überhaupt um eine
Religionsgemeinschaft. Daß sie dennoch umgangssprachlich häufig als
,,Sekte” bezeichnet wird, hängt mit der Lebenswirklichkeit dieser
Organisation zusammen: Sie wird als hochideologisierte Gruppe mit
beängstigenden Visionen erlebt, als verschworene Gemeinschaft, welche
rücksichtslos die eigenen Ziele verfolgt. Kurz: Sie wird als ,,Sekte”
erlebt.
Was läßt eine Gemeinschaft versekten?
Es
gibt ein Geflecht von Kriterien. Wenn mehrere zutreffen, dann wird man
sagen können, daß die jeweilige Gruppe in der Gefahr steht, zu
,,versekten”.
- Die Gruppe ist klar ausgerichtet auf eine Führerfigur oder Führerideologie.
- Sie bindet ihre Anhänger eng an sich bzw. an das eigene Heilskonzept.
- Es gibt kein soziales oder diakonisches Engagement.
- Die Gruppe sieht sich von Feinden umstellt und weiß eher zu sagen, wogegen sie ist, als wofür sie eintritt.
- Kritik ist weder innerhalb noch von außen möglich. Wer Fragen stellt,wird gemieden oder verteufelt.
- Wer die Gruppe verlassen will, wird bedroht; Aussteiger oder Abtrünnige werden tyrannisiert.
Aus
diesen Kriterien folgt, daß (zumindest umgangssprachlich) auch Gruppen
als ,,Sekte” wahrgenommen werden, die genau genommen gar keine
religiösen Gemeinschaften sind. Das gilt z. B. für eine ,,Politsekte”
wie die ,,Europäische Arbeiterpartei” (EAP) oder auch für die
umstrittene ,,Psychosekte” ,,Verein zur Förderung der Psychologischen
Menschenkenntnis” (VPM).
Zeichnen
sich eigentlich alle Gruppen, die unter theologischen Kriterien eine
,,Sekte” sind, durch unethisches Verhalten ihren Mitgliedern oder der
Gesellschaft gegenüber aus? Dem ist nicht so. Die ,,Johannische Kirche”
zum Beispiel ist theologisch gesprochen eine christliche Sekte, weil
sie Joseph Weißenberg für den wiedergekommenen Messias hält. Aber sie
ist hinsichtlich ihrer sozialen Wirklichkeit keine Gruppe, die hoch
fanatisiert wäre, Menschen zerstört oder andere der genannten
Sektenkriterien erfüllt. Die ,,Johannische Kirche” soll deshalb hier
als Beispiel für eine ,,harmlose” Sekte genannt sein: ,,Harmlos”, weil
keine soziale Gefährdung von ihr ausgeht. Aber dennoch muß die
,,Johannische Kirche” aus theologischer Sicht kritisiert werden, weil
Weißenberg als Inkarnation (=Menschwerdung) des Heiligen Geistes
verstanden wird. Das ist für einen Christen inakzeptabel.
,,Versektung” und ,,Entsektung”
Es
wird schnell deutlich, daß der Begriff “Sekte” tückisch ist.
Sachgemäßer wäre es, von “Sondergemeinschaft”, Religionsgemeinschaft
oder - falls nötig - von “konfliktträchtigen Gruppen” zu sprechen. Man
muß jedoch sehen, daß sich die Umgangssprache nicht reglementieren
läßt: Der Sektenbegriff ist derart griffig und beliebt, daß er sich
kaum verdrängen läßt. Ein Kompromiß könnte darin liegen, daß man den
Begriff ,,Sekte” mehr unter dem Aspekt der Entwicklung sieht: Denn
Gruppen und Gemeinschaften können ,,versekten” und auch ,,entsekten”.
Die ,,Siebenten-Tags-Adventisten” beispielsweise haben sich in den
letzten Jahren deutlich ,,aus der Sektenecke” heraus bewegt und sind
(mehr oder weniger) eine Freikirche geworden. Andere Gruppen, z. B.
einzelne Ausprägungen charismatischer Frömmigkeit, sind nie als
,,Sekte” angetreten, laufen aber Gefahr, zu ,,versekten”.
Der
Begriff ,,Sekte” darf nicht als ,,Kampfbegriff” verwendet werden, um
kleinere Religionsgemeinschaften oder Andersdenkende zu stigmatisieren.
Es gibt jedoch Gruppen und Gemeinschaften, die sich selbst absolut
setzten, so tun, als hätten sie Gott oder den Heiligen Geist gepachtet
und Menschen mit problematischen Versprechungen abhängig machen. Hier
muß man sich nicht wundern, wenn die Öffentlichkeit von “Sekte” redet.
Im kirchlichen oder staatlichen Kontext sollte dieser Begriff jedoch
vermieden werden.
Die Berater/innen des Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. informieren und beraten zum Themenbereich neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen. Er bezieht sich auf die gesamte weltanschauliche "Szene", die sich etwa folgendermaßen gliedern lässt:
- Scientology und andere Psychogruppen
- z.B.: Landmark, ZEGG, AAO
- z.B.: Landmark, ZEGG, AAO
- synkretistische Neureligionen
- z.B.: Zeugen Jehovas, Mormonen, Vereinigungskirche (Mun), Universelles Leben
- z.B.: Zeugen Jehovas, Mormonen, Vereinigungskirche (Mun), Universelles Leben
- fundamentalistische Bewegungen
- z.B.: verschiedene freikirchliche Gemeinden, Opus Dei
- z.B.: verschiedene freikirchliche Gemeinden, Opus Dei
- guruistische Gruppierungen
- z.B.:Thakar Singh, Transzendentale Meditation, Sri Chinmoy, Sai Baba
- z.B.:Thakar Singh, Transzendentale Meditation, Sri Chinmoy, Sai Baba
- Heilergruppen und bedenkliche Aktivitäten im (psycho-) therapeutischen Bereich
- z.B.: Bruno Gröning Freundeskreis, Fiat Lux, Familienstellen nach Hellinger
- z.B.: Bruno Gröning Freundeskreis, Fiat Lux, Familienstellen nach Hellinger
- esoterische Bewegungen
- z.B.: Raelianer, Heavens Gate, "Der Weg ins Licht", Reiki
- z.B.: Raelianer, Heavens Gate, "Der Weg ins Licht", Reiki
- Okkultismus/ Spiritismus und Satanismus
- z.B.: Gläserrücken, Wahrsagerei, Thelema Society, Church of Satan
- z.B.: Gläserrücken, Wahrsagerei, Thelema Society, Church of Satan
- Strukturvertriebe
- z.B.: Evora, Amway, Schenkkreise
Das Bereitstellen von Informationen über eine bestimmte Gruppe bedeutet
nicht, dass die Berater/innen diese in jedem Fall als konfliktträchtig
einschätzen.
Der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V. ist eingetragen beim Vereinsregister Amtsgericht Essen VR 2834. Vereinssitz ist Essen.
Geschäftsadresse:
Sekten-Info Nordrhein-Westfalen e.V.
Rottstraße 24
45127 Essen
Fon: 0201 - 23 46 46
Fax: 0201 - 20 76 17
E-Mail:
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URL: www.sekten-info-nrw.de
Literatur
- Hansjörg Hemminger: Was ist eine Sekte? Erkennen - Verstehen - Kritik, Mainz/Stuttgart 1995
- Handbuch
Religiöse Gemeinschaften. Freikirchen, Sondergemeinschaften, Sekten,
Weltanschauungen, missionierende Religionen des Ostens, Neureligionen,
Psycho-Organisationen, hrsg. von Horst Reller, 4. völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, Gütersloh 1993 - Laufende Berichte auch in: Materialdienst der EZW
3 Kommentare
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Klasse Artikel, vielen Dank. Ich werde ihn mal ausdrucken und an ein paar Schulen zur Info schicken...
danke. da war sehr viel wissenswertes dabei. speicher ich mir mal ab.