Artikel Zeitungsnachrichten und ihre Manipulation 3
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Nachdem deutlich geworden ist, dass der durchschnittliche Zeitungsleser nur einen ganz geringen Bruchteil der täglichen Nachrichtenfülle aufnehmen kann, ist die Frage, nach welchen Kriterien Nachrichten in den Redaktionen ausgewählt werden, von besonderer Bedeutung, weil dieses tägliche Nachrichtenminimum durch die Gesichtspunkte der Auswahl stark manipuliert sein kann. Steffens[1] zitiert acht Auswahlkriterien, die von amerikanischen Kommunikationsforschern ermittelt wurden:
1 . Was kommt unerwartet?
2. Was hat Konsequenzen für eine große Zahl von Bürgern?
3. Was schafft Spannungen, ist umstritten?
4. Sind bekannte Personen im Spiel?
5. Wie nah (zum Erscheinungsort, Sendeplatz) ist der Schauplatz des Ereignisses (je naher, desto besser)?
6. Was ist geeignet, Gefühle des Bürgers anzusprechen (Mitleid, Grausamkeit, Humor)?
7. Wie konkret und anschaulich in der Darstellung ist eine Meldung?
8. Was erfreut den Bürger (Leser, Hörer, Fernsehzuschauer)? [2]
Selbst in der Anwendung dieser sehr formal gehaltenen Auswahlaspekte werden sich schon die Formen der Zeitungen in der BRD scheiden. So werden die Punkte 4, 6 und 8 in besonderem Maße für die Boulevardpresse zutreffen. Der Punkt 4 gilt aber auch für ein Nachrichtenmagazin wie den Spiegel, das sich durch seine auf Personen zugeschnittenen stories von der Nachrichtenform der großen überregionalen Tageszeitungen abhebt. [3]
Dass Nachrichten, deren Schauplatz näher am Sendeort liegt, bevorzugt werden (Punkt 5), hat verschiedene Gründe: 1. sind mehrere Auslandskorrespondenten an einem weit entfernt liegenden Schauplatz teuer, 2. interessiert es seit dem Erscheinen von Goethes „Faust“ die Leser immer noch weniger, „wenn in der Türkei die Völker aufeinander schlagen“ und 3. lassen sich Nachrichten von näher liegenden Handlungsorten besser auf ihre Stichhaltigkeit überprüfen.
Wichtiger als eine Einzelanalyse ist es, den ganzen Komplex dieser formalen Auswahlkriterien kritisch zu sehen. In ihnen zeigt sich nämlich das ganze Dilemma der bürgerlichen Presse, die auf ihren Absatz in einem pluralistischen System bedacht ist und die selten im Sinne Enzensbergers parteilich ausgewiesene politische Interessen vertritt und somit inhaltliche Auswahlkriterien offen darlegt. Diese Parteilichkeit muss übrigens nicht zur Unterschlagung von Nachrichten führen, in denen sich eine andere politische Position artikuliert. In dem Aufsatz „Demokratie Information Herrschaft" 13 nennt Karl D. Bredthauer ein Beispiel, das maßgebend sein könnte für die inhaltliche Auswahl von Nachrichten, ohne dass eine Zeitung, die sich danach richtete, gleich zur Kampfzeitung werden müsste.
10) M. Steffens, S. 210.
11) Ähnliche Kriterien der Auswahl nennen Kurt Koszyk und KarlH. Pruys im Wörterbuch zur Publizistik, S. 247
12) Vgl. dazu R. Zoll/ E. Hennig, Massenmedien und Meinungsbildung. München 1970, S. 253ff.
13) In: Imperium Springer, Macht/Manipulation, hrsg. von Bernd Jansen und Arno Klönne. Köln 1968, S. 238.
"Das Einfachste und Nächstliegende ist bereits das in unserer irrationalen Gesellschaft am wenigsten Realisierte: die Ubersicht und umfassende Information des Arbeitenden über seinen Arbeitsplatz, seinen Betrieb und dessen Aufgaben, Möglichkeiten und Abhängigkeit. Erst auf diese Information gegründete Einsicht und Meinungsbildung könnte folgerichtig weiter greifen in umfassendere Entscheidungsbereiche der Gesellschaft, schließlich in eine begründete Entscheidung über die Lenkung des Ganzen, z.B. am Wahltag. 14
Dieses Beispiel macht deutlich, dass Nachrichtenauswahl ein eminent politischer Akt ist. Dieser wird erheblich von dem politischen Standort einzelner Personen beeinflusst, angefangen mit der politischen Sicht des Auslandskorrespondenten. Einen großen Einfluss auf die Auswahl von Nachrichten können der Verleger und der Chefredakteur nehmen. Allgemein bekannt ist, dass der Verleger Axel Cäsar Springer die für den Springer-Konzern arbeitenden Journalisten auf 5 politische Grundsätze verpflichtete.
1. das Eintreten für die Wiedervereinigung Deutschlands,
2. die Aussöhnung zwischen Deutschland und dem jüdischen Volk,
3. die Ablehnung jeglicher Form von politischem Totalitarismus,
4. die Verteidigung der sozialen Marktwirtschaft,
5. die Nichtanerkennung der DDR als zweitem deutschen Staat: Von nun an musste der Begriff „DDR” in sämtlichen Publikationen Springers in Anführungsstrichen geschrieben werden.
Nach der Wiedervereinigung wurde der vierte Grundsatzpunkt verlagsintern in „Die Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft” geändert.“ 15
Aber man braucht als Beleg für gelenkte bzw. einseitige Auswahl durchaus nicht nur den Springer-Verlag zu zitieren. In der Nachfolge des berühmten Aufsatzes von Enzensberger "Journalismus als Eiertanz"16 weisen Glotz/Langenbucher17 durch Gegenüberstellung mit der Neuen Züricher Zeitung an sechs exemplarischen Fällen ("Berichterstattung im Ost West Konflikt und in der Deutschlandfrage…Berichterstattung über den Aufstand in der portugiesischen Besitzung Angola, über den Krieg in Algerien, den Krieg in Vietnam, den Nah Ost Konflikt und über die Kulturrevolution in China")18 nach, dass die gesamte etablierte überregionale Presse der BRD in der Auslandsberichterstattung mehr oder weniger dürftig ist bzw. versagt. Glotz/Langenbucher führen für das durch einseitige Auswahl gravierende Nachrichtendefizit ideologische Gründe und technische Ursachen an, da zahlreiche Zeitungen ihre Meldungen nur von einer einzigen Agentur beziehen. Damit wäre das Extrem des Kapitels "Auswahl" erreicht, weil es immer noch bei großen, finanzstarken Zeitungen vorkommt, dass sie gegenüber bestimmten Geschehnissen keine Auswahl der Nachrichten haben. Besonders beunruhigend sind die Recherchen von Glotz/Langenbucher zum Angolakrieg. Die namhaften überregionalen bundesrepublikanischen Blätter und in diesem Falle sogar die Neue Zürcher Zeitung stützten sich nur auf portugiesische Quellen und berichteten entsprechend mangelhaft, während die damalige Hamburger Zeitschrift "Konkret" nur Informationen der Aufständischen brachte. Wenn man unterstellt, dass nur wenige Konkret Leser die bürgerlichen Zeitungen (Welt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Neue Züricher Zeitung) lasen und dass nicht viele bürgerliche Leser von "Konkret" Kenntnis nahmen, dann wird die Problematik einer völlig einseitigen Berichterstattung, wie auch immer sie begründet sein mag, offenbar.
14) Bredthauer, ebda, S. 238
15) Wapedia. Wiki: Axel Springer (Stand: 16. Juli 2008)
16) H.M. Enzensberger, Einzelheiten 1. Frankfurt 1962, S. 18ff.
17) P Glotz1W. Langenbucher, Der missachtete Leser. Zur Kritik der deutschen Presse. Köln, Berlin 1969, S. 48ff.
18) ebda., S. 51
2 Kommentare
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Kommentare zu Zeitungsnachrichten und ihre Manipulation 3
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Ja, Andreas, leider ist es so, wie Du schreibst, aber dennoch denke ich: "Lieber etwas Sinnvolles (Aufklärung) erfolglos betreiben als etwas Sinnloses erfolgreich" (E.M.)
Danke für Dein Interesse.
Gruß
Ekkehart
..und dann noch damit spekulieren, die haben MORGEN sowieso alles wieder vergessen!