Artikel Internatserziehung: Lernhilfe mit Spaßausgleich?
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Allem Elitegeschwafel zum Trotz: Der Wechsel ins Internat wird zumeist nur dann in Erwägung gezogen, wenn die Schulkarriere des Nachwuchses nicht wunschgemäß verläuft. "Er (Sie) ist intelligent, aber leider ein bisschen faul!" So lautet der in Beratungsgesprächen wohl meiststrapazierte Satz zur Beschreibung eines "Problemkinds". Doch hinter den schlechten Noten verbergen sich - neben tatsächlicher Minderbegabung - zumeist gravierende erzieherische Probleme und "Webfehler" in der Persönlichkeit des Kindes.
Es wäre nun naheliegend, das Internat unter dem Gesichtspunkt auszusuchen, dass dort ideale Lernbedingungen herrschen und auch sichergestellt ist, dass die schulischen Pflichten in den Mittelpunkt des Alltagslebens rücken. Ein weiteres Auswahlkriterium müsste sein, dass die Lernhilfen in ein erzieherisches Gesamtkonzept eingebunden sind, damit den Eleven diejenigen Eigenschaften und Einstellungen vermittelt werden, die eine notwendige Voraussetzung erfolgreicher Lernarbeit sind: Pflichtbewusstsein etwa, Fähigkeit zur Selbstorganisation, Anstrengungsbereitschaft, Fähigkeit zur sozialen Eingliederung, zur Unterordnung, zum Aufschub von Bedürfnissen, zur Beherrschung von Triebimpulsen, Bereitschaft zu Selbstverantwortung usw.
Doch weit gefehlt. Im Vordergrund der Internatsauswahl steht häufig der "Spaß-Ausgleich", mit dem die Bereitschaft der kleinen Prinzen oder Prinzessinnen erkauft werden muss, überhaupt das "Hotel Mama" zu verlassen und in irgendein Schloss am See umzuziehen, von dem man sich in Zukunft bessere Schulnoten erhofft.
Die Bonus-Mentalität der Oberklasse: Belohnung ohne Leistung
Die Erwartungshaltung bei Eltern wie bei Kindern erscheint oft merkwürdig verdreht. Die eigene Verantwortung für die Verbesserung der schulischen Leistungen wird gar nicht gesehen. Gute Noten hält man für eine Bringschuld der (natürlich privaten!) Schule, die durch "engagiertere" Lehrer und "kleinere Klassen" sowie eine "bessere Ausstattung der Schule" bewirkt werden sollen. "Wenn er (sie) erstmal wieder bessere Zensuren bekommt," - auch so einer von den Standardsätzen aus Beratungsgesprächen - "dann hat er (sie) auch wieder mehr Spaß am Lernen!"
Hallo? Müsste es nicht eigentlich umgekehrt sein? Erstmal mehr lernen (mit dem "Spaß" ist es ja so eine Sache) - dann bessere Zensuren?
Vor allem die zahlungskräftige Kundschaft - so stelle ich immer wieder fest - sieht ihren Nachwuchs im Internat als Nutznießer einer privaten Dienstleistung, die man verschmitzt "Förderung" nennt. Das Kind wird gefördert. Worin diese Förderung bestehen soll, bleibt unklar bzw. unausgesprochen. Klar ist, aber das sagt man nie offen, dass die Schule für das viele Geld, das man bezahlt, im Gegensatz zum eigenen Kind irgendetwas tun muss, das zu besseren Leistungen führt, natürlich ohne den Nachwuchs zu sehr anzustrengen oder gar mental zu verstimmen.
Man fragt in erster Linie: Was bietet die Schule dem Kind? Welche Garantien gibt es, dass sich die Investition auch tatsächlich lohnt und ein möglichst gutes Abitur erreicht wird? Dabei sucht man das Gute im Schönen, möchte sich von Äußerlichkeiten beeindrucken lassen: der ehrfurchtgebietenden Architektur, handverlesenen MitschülerInnen in schmucken Schuluniformen, smarten, sonnengebräunten Pädagogen. Das alles soll den Nachwuchs leistungsbereit stimmen. Und insgeheim verlässt man sich darauf, dass schon "unter der Hand" ein wenig nachgeholfen wird, wenn die pädagogische Disney-World ihre Wirkung verfehlen sollte.
Natürlich kenne ich die privaten Internatsschulen, die solchen Kundenwünschen entgegen kommen, aber ich empfehle sie nicht. Ich spreche von den Eigenschaften, die durch zuweilen recht unangenehme erzieherische Maßnahmen angebahnt werden müssen, damit die Eleven eine leistungsorientierte Lebenseinstellung entwickeln. "Blut, Schweiß und Tränen" koste es, aus einem wohlstandsverwöhnten oder gar -verwahrlosten Schoßkind wieder einen jungen Menschen zu formen, der den normalen Anforderungen des Alltags und später auch manchen Stürmen des Lebens gewachsen sein wird. Das schmeckt der Oberklasse-Kundschaft überhaupt nicht. Schließlich ist man gewohnt, die fette Belohnung einzustreichen, auch wenn man nichts geleistet oder nur Murks abgeliefert hat. Man ist verstimmt und sucht sich einen Berater, der weniger anstrengend ist. Na dann "Auf Wiedersehen" im Spaß-Schloss am See.
von Ulrich Lange
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