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Artikel Die Fürsten der Prignitz

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Die Fürsten der Prignitz

AUS KRAMPFER KONRAD LITSCHKO (TEXT UND FOTOS)


"Brüder und Schwestern, ich begrüße euch von nah und fern. Auf ein
gutes Gelingen unseres heutigen Tages!" Eine kurze Begrüßung an die
Bürger, dann setzt sich der Fürst wieder. Michael Freiherr von Pallandt
ist kein Mann der großen Worte, auch wenn er sich für diesen Tag
staatstragend gekleidet hat: Krawatte unter der grauen Weste, darüber
ein schwarzes Sakko, auf der Nase eine ausladende 80er-Jahre-Brille. Es
ist ein großer Tag für sein Fürstentum - das "Fürstentum Germania".
Heute wählt es seinen Volksrat, seine Legislative. "Endlich werden wir
damit ein handlungsfähiger Staat" werden die nachfolgenden Redner
jubeln.


Michael Freiherr von Pallandts Kleinstaat liegt in dem Dorf Krampfer
in der Brandenburger Prignitz, einem Zipfel zwischen
Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Das
"Fürstentum Germania" ist 4.000 qm groß, mit einem Schloss als
Regierungssitz in der Mitte. Vor nicht einmal sechs Wochen hat es der
Fürst auf dem Krampfer Schlossgelände ausgerufen - seitdem steht die
Prignitz Kopf. Rechte Spinner vermuten die einen hinter den
Schlossmauern, esoterische Aussteiger die anderen. "Die Sache ist
einfach nur diffus", zucken sie in der Gemeindeverwaltung hilflos mit
den Schultern.


Am vergangenen Sonnabend sind es knapp 50 angereiste Staatsgründer,
die sich im Schlosssaal versammeln. Autos aus Jena, Konstanz,
Ravensburg, Braunschweig, Uelzen oder Berlin stehen auf dem Hof. Im
Saal sitzen Menschen, kunterbunt gemischt: einige Mittelalte mit
Jackett, Hippies im Poncho, Frauen mit Dutt, drei schlohweiße Rentner.
Vorne, über dem Fürsten, haben sie ihre Fahne aufgehängt:
blau-rot-gelb. Auf einem Tisch liegt auf knittriger weißer Tischdecke
ein Schwert, daneben flackert ein Teelicht. Der Fürst sitzt auf einem
weißen Gartenstuhl, wie die meisten seiner Bürger. Es ist alles noch
provisorisch hier, die Sonne scheint durch die staubigen Fenster,
hinten im Saal stehen Tapeziertische, Putz pellt von den Wänden, denn
eigentlich ist das Schloss ein Wrack.


Wuchtig und trist steht das grau verputzte Gebäude neben der
Dorfstraße, zu DDR-Zeiten nutzte es die Gemeinde als Schule. Drei
Stockwerke gibt es, oben heißt ein Transparent "Willkommen!!". Im
Vorgarten drehen sich bunte Windspiele, rechts grasen Schafe. Krampfer
ist ein verschlafenes Nest, 260 Einwohner, Teil der Gemeinde
Plattenburg. Der Bürgersteig ist menschenleer, links und rechts der
Dorfstraße stehen Klinkerbauten und Scheunen. Der Bus fährt dreimal
morgens und zweimal nachmittags. Das einzige Geschäft, die Bäckerei
Schultz, schließt täglich um 13 Uhr. "So was wie die da drüben hatten
wir noch nie", zeigt Anwohnerin Manuela Rothardt, 42 Jahre, seit zehn
Jahren Krampferin, auf das Schloss. "Machen einen Eindruck wie eine
Sekte. Was wollen die gerade hier?"


Jessie Marsson lächelt, er hat darauf eine einfache Antwort: "Wir
wollen in Freiheit leben, autark, frei von den Zwängen des
BRD-Systems." Marsson hat das seit der Wende leer stehende Krampfer
Schloss von einem Privatmann gekauft. Der Endzwanziger trägt Jackett,
darüber eine weiße Jacke mit Pelzkragen, seine blondierten Haare fallen
über ein rotes Stirnband. Das mit dem Fürstentum war seine Idee. Ein
Alternativstaat soll es sein: basisdemokratisch, naturverbunden,
pazifistisch.


Das allerdings ist nicht die ganze Geschichte: Denn die
Fürstentümler sehen sich als bewusste Abspaltung von der
Bundesrepublik: Totale Überwachung, Schul- und Arbeitsmarktzwänge
bemängeln die einen, allerlei Verschwörungstheoretisches wie angebliche
Zwangsimpfungen und giftige Kondensstreifen die anderen. Ja, nicht mal
ein richtiger Staat sei die Bundesrepublik, sind sich die Fürstentümler
einig.


"Das Grundgesetz wurde in der BRD nie vom Volk verabschiedet",
erklärt Sven Switer, ein 25-jähriger Informatiker im hellblauen
Pullover und Fürstenbürger der ersten Stunde. Es gelte vielmehr noch
die Verfassung des Kaiserreichs von 1871. Die Bundesrepublik sei nur
ein Verwaltungskonstrukt der Alliierten, denn über eine Verfassung sei
nie abgestimmt worden.


Im Fürstentum hingegen schon. Um sich lästige Einmischungen seitens
der großen Bundesrepublik zu ersparen, habe man das Fürstentum als
Kirchenstaat gegründet, verrät Switer. "Religionen haben einfach noch
am meisten Freiheiten. Das wollen wir nutzen." Und der Name Germania
sei schlicht eine Reminiszenz an die deutschen Wurzeln.


Rechtsungültige BRD? Souveränes Germania? Anwohner und Experten
haben die Fürstentümler mit solcherlei Reden aufgeschreckt. Von einem
"bunten Haufen von Verschwörungstheoretikern, Holocaustleugnern und
alternativen Aussteigern" spricht Gabriele Schlamann vom Mobilen
Beratungsteam Brandenburg. Der regionale Sektenbeauftragte der
evangelischen Kirche, Thomas Gandow, sieht einzelne Verbindungen in die
rechtsextreme Szene. Und der Brandenburger Verfassungsschutz scheint
ratlos: Von einer "wilden Gemengelage" berichtet Sprecherin Dorothee
Stacke. Politisch extremistische Bestrebungen seien für sie bisher
nicht erkennbar. Aber man werde das aufmerksam verfolgen.


Schlossherr Jessie Marsson wiegelt aufgeregt ab: "Wir sind alles
andere, aber nicht rechts." Ja, es seien tatsächlich schon Gestalten
aus dem rechtsextremen Spektrum aufgetaucht. "Aber die sind sofort
wieder weg", wirft Sven Switer ein. "Unsere unbedingte
Friedenseinstellung war denen zu luschig." Grundsätzlich stünde es aber
jedem frei, Bürger des Fürstentums zu werden. "Heute sind wir schon
fast 400 Einwohner", berichtet Jessie Marsson nicht ohne Stolz.


Nur zehn von ihnen wohnen wirklich im Schloss. Es gibt noch kein
Warmwasser hier, Strom erst seit Kurzem, nur drei Räume sind mit den
alten Holzöfen und Radiatoren beheizbar. Der Großteil der Bürger nimmt
da lieber über das Internet am Geschehen im Fürstentum teil. So haben
sich die Staatsgründer überhaupt zusammengefunden. Von "tausenden
Unterstützern im Netz" berichtet Sven Switer. Nicht wenige würden den
Schlossbetrieb mit ihren "Schenkungen" aufrechterhalten. Demnächst will
man sogar expandieren. Erst innerhalb Krampfers, dann mit weiteren
Exklaven in Deutschland und Europa. Auch die Krampfer Dorfkirche hätten
die Fürstentümler hinzukaufen wollen, teilt der evangelische
Kirchenkreis mit. Man habe abgelehnt.


Im Schloss hat Volker Köhne, ein Mann mit Schnauzer und Krawatte und
selbsternannter Experte für "Germanische Neue Medizin", die
Veranstaltungsleitung übernommen. Er klingelt mit der Tischglocke um
Ruhe. "Wir heißen auch die beiden BRD-Überwachungsmänner willkommen",
ruft Köhne förmlich. "Einmal aufstehen, bitte!" Die beiden
Zivilpolizisten erheben sich. Applaus im Saal. "Danke. Sie sind unsere
Freunde", nickt Köhne zufrieden. Als Nächstes ist der Medienvertreter
an der Reihe. Auch er wird protokollarisch begrüßt, Applaus.


Zehn Kilometer weiter schüttelt Detlef Brenning den Kopf: "Wir
wissen einfach nicht, in welche Richtung dieses Projekt geht." Brenning
ist Ordnungsamtsleiter von Plattenburg. Das Rathaus steht im Örtchen
Kletzke, es ist ein weißer Flachbau mit 15 Mitarbeitern. In Brennings
Büro hängen Feuerwehrwimpel und ein Eisbär-Kalender neben den grauen
Schränken mit Aktenordnern. Brenning lässt sich den Presseausweis
zeigen. Man wisse ja gar nicht mehr, wer hier alles auftaucht.


"Die Krampfer Bürger sind verunsichert. Keiner weiß, wer wirklich
hinter dem Fürstentum steckt", ärgert sich der Endvierziger mit dem
Bürstenschnitt und der Brille. Zu einer Informationsveranstaltung
seiner Behörde über das Fürstentum im Krampfer Gemeindehaus, gleich
gegenüber dem Schloss, kamen mehr als 100 Bürger. Der Pfarrer
moderierte, "der Saal klappte aus allen Nähten", erinnert sich
Brenning.


Bereits zuvor hatte die Bürgermeisterin einen Brief an alle Krampfer
verschickt. "Mit Sorge betrachtet die Gemeindeverwaltung das Geschehen
im Schloss Krampfer", steht darin. Man bitte die Anwohner, ein Auge auf
das Fürstentum zu werfen. Die Polizei hat dort bisher allerdings nichts
Strafbares festgestellt. Auch eine Drogenrazzia im Schloss verlief
ergebnislos. "Das sind sicher keine Leute, die sich mit dem Grundgesetz
identifizieren", heißt es aus dem Schutzbereich. Aber Extremistisches
sei aktuell ebenso wenig zu erkennen.


Im Schlosssaal werden derweil gelbe und rote Zettel für die
Abstimmungen in die Luft gestreckt. Ein selbsternannter "medialer
Heiler" wird Chef des Arbeitskreises Gesundheit, eine Heilpraktikerin
des AK Religion, Bewusstsein und Energiearbeit. Am Ende wird über die
Verfassung abgestimmt. 17 Artikel beinhaltet das Dokument. Von
Basisdemokratie ist darin die Rede, der Einführung einer eigenen
Währung, der "Dank-Mark". und der Pflicht jedes Bürgers, einen Obstbaum
für die Gemeinschaft zu pflanzen.


Mit der nun erlangten Handlungsfähigkeit, werde man bald
Friedensverträge in alle Welt verschicken, kündigt Jessie Marsson an.
"Werden diese anerkannt, ist auch das Fürstentum etabliert." Dann müsse
sich auch die Bundesrepublik mit ihnen auseinandersetzen. Marsson
strahlt: "Dieses Fürstentum, das hat das Potenzial einer
Massenbewegung."


 


DIE FÜRSTLICHEN OBERHÄUPTER

Der Fürst: Michael Freiherr von Pallandt, nach
Eigenaussage Rentner in Oberbayern. Er ist von seinem Freund Jessie
Marsson angesprochen worden, mit seinem Adelstitel das Staatsoberhaupt
zu geben. Selbst leben will er dort vorerst nicht.


Der Schlosskäufer: Jessie Marsson, angeblich tätig
im Kräuter- und Fahrzeughandel. Er sieht sich als Opfer des
amerikanischen MK-Ultra-Programms, mit dem die CIA an ihm
Bewusstseinskontrollen erprobt habe. Das Fürstentum wollte er
ursprünglich in Afrika gründen, ist dann zufällig auf das zum Verkauf
stehende Schloss Krampfer gestoßen. Kaufpreis: 20.000 Euro in bar plus
ein Oldtimer.


Der Öffentlichkeitsarbeiter: Jo Conrad, 50 Jahre,
wirbt im niedersächsischen Worpswede via Internet für das Fürstentum.
Conrad hat sich als Autor verschwörungstheoretischer Wälzer mit
antisemitischem Einschlag einen Namen gemacht. Der Thüringer
Verfassungsschutz nannte Conrad 2002 einen "Rechtsesoteriker und
rechten Medienmann". KO


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http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=sw&dig=2009%2F03%2F27%2Fa0116&cHash=47c95c62b6


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1 Kommentar

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Kommentare zu Die Fürsten der Prignitz

 

bhjhajobhjhajoam 30.08.09


Das wärs,einen eigenen Staat im Staat.Wo der Mensch im Mitelpunkt steht und nicht der Profit oder der Großkapitalismus.Wo Kinder noch Kinder sein dürfen und eine Schulbildung für alle gleich nach seinen Möglichkeiten.Arbeit für alle,Mitsprache Recht für alle.Naja,man braucht aber so viel um einen Staat zu Gründen und dann muss er auch funktionieren.Kann das Möglich sein mit Menschen?Ich weiß ,wenn man will schaft man vieles aber wir hatten von der Sache schon mal so etwas und was haben sie mit uns gemacht?


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