Artikel "Senzare - es geht uns gut" - Akkordeonale 2009
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Um 20 Uhr sollte die „Akkordeonale 2009“ in der Kunst- und
Ausstellungshalle Bonn beginnen – angekündigt war das Konzert als
„Internationales Akkordeon-Festival“ (vergleiche http://akkordeon.de/node/153).
Eigentlich verstehe ich unter Festival etwas anderes! Zum 10. World Accordeon
Festival des Deutschen Harmonika-Verbandes in Innsbruck 2010 werden wieder 5000
Menschen kommen. Das Forum fasst 450 Plätze – die sind immerhin ausverkauft!
Und auftreten sollen fünf Akkordeonisten und zwei Begleitmusiker aus sechs
Ländern und drei Kontinenten, deren Namen ich bisher nicht kannte. Auf der
Bühne stehen sieben Stühle und insgesamt sieben Akkordeons aller Couleur: zwei
chromatische Piano-Akkordeons, ein chromatisches Knopf-Akkordeon, drei
diatonische Knopfakkordeons und ein Bandoneon.
Dann geht es los: Médicis
Rabeslaka aus Madagaskar kommt im bunten Anzug auf die Bühne und schnallt
sich das chromatisch Knopfakkordeon um – allerdings verkehrt herum. Er hat nie
Musikunterricht gehabt. Da er Linkshänder ist, spielt er die Melodie einfach
mit der linken Hand. Dann sind auch die hohen Töne wirklich oben und die tiefen
Töne unten. Seine sinnliche Tanzmusik Tsapiky- Jihé klingt fremd: ein
stereotypes Thema im 6/4-Takt wird zunächst nur durch Zwischenrufe
unterbrochen. Die Abwechslung kommt dann vorrangig durch seinen Gesang und die
Dynamik. Manchmal fühlt man sich an Musetteklänge erinnert. Médicis singt von
seinem Sohn Vara, der nicht bei ihm lebt.
Die sieben Musiker haben sich vor 14 Tagen das erste Mal
getroffen und stehen nun im zwölften Konzert einer Deutschland-Tournee zusammen
auf der Bühne. Zusammen gebracht hat sie der Maastrichter Servais Haanen, der auch kompetent und sehr launig durch den Abend
führt.
Nicht nur Médicis ist wahrscheinlich das erste Mal in
Deutschland. Auch Janire Egana Zelaia aus dem Baskenland ist bisher keine internationale Konzertgröße. Sie hat noch keine
CD aufgenommen. Aber sie entpuppt sich als der heimliche Star. Sie steht mitten
auf der Bühne mit ihrem zweireihigen „Blasebalg aus der Hölle“, so die „Übersetzung“
von Trikitixa, und spielt eine Falanga ruhig und leise bis heftig und virtuos –
mit vollem Körpereinsatz bis zum Fußstapfen. Dabei strahlt sie immer wieder ins
Publikum, das ihr mit tosendem Applaus dankt. In der zweite Hälfte des
Konzertes beweist sie ihr Können auf einem Piano-Akkordeon mit dem tänzerischen
Titel „Schnell, schnell“, dieses Mal sitzend aber mit rhythmisch wippendem
rechten Oberschenkel.
Yannick Monot aus
Frankreich ist dagegen eine Bonner Kultur-Größe. Mit seinem einreihigem
Knopfakkordeon kann er nur eine Tonleiter spielen – das bedeutet harmonisch nur
recht schlichte Musik. Er steht für Cajun und Zydeco und präsentiert gleich
zwei kleine Stücke: einen Twostep und einen Cherokee Waltz, ein sentimentales
Liebeslied mit Gesang. Begleitet wird er ganz zart und vorsichtig von Elke Rogge auf der Drehleier, einer
„mechanischen Geige mit Knöpfen“. Yannick stellt sich als vielseitiger Musiker
dar: er singt, spielt Akkordeon, Mundharmonika und Gitarre. Wobei das Akkordeon
seine große Liebe ist, nachdem er zum ersten Mal rockige Musik aus den Sümpfen
von Lousiana gehört hat.
Absolutes Kontrastprogramm bietet anschließend Gabriel Merlino aus Bouenos Aires mit
seinem 90-jährigen Bandoneon, das den Umfang eines Konzertflügels hat. Das
Instrument stammt aus Deutschland und wurde von Alfred Arnold als „Rolls Royce“
für den Überseemarkt gebaut. Der Musiklehrer und Fan von Astor Piazzolla spielt
zunächst ein Milonga-Medley mit „klassischen“ Tangoklängen, etwas jazzig
arrangiert, und in der zweiten Hälfte ein Piazzolla-Medley mit dem
herzzerreißenden „Oblivion“ und dem treibenden Libertango – versetzt mit einem
„Bach-Zwischenteil“.
Und last not least präsentiert sich der Veranstalter selbst
mit seinem dreireihigen diatonischen Instrument. Er „berichtet“ in einfacher
Tonsprache von seinen Erlebnissen – etwas melancholisch im 4/4-tel Takt. Dabei
begleitet ihn ganz unaufdringlich Janire auf ihrem Piano-Akkordeon und Elke mit
der Drehleier. Erst in der zweiten Hälfte tritt er solistisch mit einem
Eis-Walzer aus dem 17. Jahrhundert auf – einem langsamer Walzer, in dem der
Balg immer wieder „Wind macht“.
Besonders spannend wird es am Ende der ersten Stunde, als
die bisher vorgestellten Musiker gemeinsam ein Werk von Servais Haanen
„Katarakt“ aufführen, ergänzt um Samoela
Andriamalalaharijaona, genannt Sammy, aus Madagaskar auf selbst gebauten
Percussion-Instrumenten. Immer dieselben Melodiesequenzen in unterschiedlichen
Formationen der vier Akkordeonisten plus Gitarre, Drehleier und Percussion
entfalten trotz „Minimalismus“ ihre Wirkung.
Nach 20 Minuten Pause geht es dann noch einmal eine Stunde voll
verschiedenartiger Musikerlebnisse weiter, dieses Mal weniger mit
Solo-Präsentationen, sondern die Musiker traten in unterschiedlichen
Besetzungen zusammen: Médicis, Sammy und Yannick mit spannenden Rhythmen aus
Madagaskar, Yannick mit schwarzer Musik aus Lousiana auf dem Akkordeon und der
Mundharmonika, unterstützt von den Zuhörern mit Schnipsen. Servais mit Elke und
Gabriel mit einem „Waltz is a five letters word“ im 5/4-tel Takt. Dabei zeigt
sich besonders Gabriel als perfekter Ensemble-Spieler, der auch mal die Führung
mit Improvisationsparts in ihm fremden Stücken übernehmen kann. Wer selbst
Musik macht, kann ermessen, was dazu gehört, ohne viele gemeinsame Proben
einfach auf der Bühne zusammen zu musizieren und sich „blind“ zu verstehen.
Als Höhepunkt und Abschluss des Konzertes treten wieder alle
sieben Musiker zusammen auf, dieses Mal mit dem Tanzlied aus Madagaskar
„Senzare“. Servais erläutert den Titel: „Es geht uns gut – untereinander und
mit Euch“. Das mag als Motto der Veranstaltung stehen bleiben – eher als „In 80
Minuten um die Welt“, wie der General-Anzeiger Bonn in seiner Kritik von Robert Fontani titelte. Er hat
offensichtlich mehr erwartet – bei ihm haben lediglich Janire und Gabriel sowie
die Musiker aus Madagaskar Wirkung hinterlassen. Dabei ließ er sich gar nicht
dadurch stören, dass die Zuhörer die schlichte Musik und das Zusammenspiel der
Musiker, aber auch die professionelle Moderation von Servais, eifrig
beklatschten und zwei Zugaben herausforderten.
„Akkordeon braucht mehr Anerkennung“, so die
Vize-Präsidentin und neue Geschäftsführerin des Deutschen Harmonika-Verbandes Hedy Stark-Fussnegger(vergleiche http://ksta.stadtmenschen.de/mdsocs/mod_blogs_eintrag/blog/kstablog/thema/kultur/eintrag/Neuwahl_Praesidium_Harmonika_Verband_1/ocs_ausgabe/ksta_blogs/index.html).
Möglicherweise ist beim Publikum diese Art der „Weltmusik“, die mit Begeisterung
von Musikern vieler Länder präsentiert wird, mehr anerkannt als bei
Konzerkritikern. „Einen Chinesen am Akkordeon, der Bach spielt, finde ich
langweilig. Akkordeonkonzerte finden fast ausschließlich auf sehr hohem
klassischen Niveau statt. Ich wollte etwas auf die Bühne bringen, das auch ein
Normalsterblicher spielen kann.”, diese Idee von Servais steht hinter der
ersten Akkordeonale. Wer sich selbst „einen Ton“ davon machen will und
Hessischen Rundfunk 2 empfangen kann, dem sei die Aufzeichnung des Konzertes am
21. Mai 2009 um 21:30 Uhr empfohlen (vergleiche http://www.hr-online.de/website/radio/hr2/programm3758.jsp?rubrik=3758&r=4&y=2009&t=20090521).
2 Kommentare
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Kommentare zu "Senzare - es geht uns gut" - Akkordeonale 2009
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Der Titel des Tanzliedes aus Madagaskar wird richtig geschrieben: "Zegny no sana".
Diese Informationen habe ich einem Bericht über die Tournee auf LINK entnommen, der am 18. Mai veröffentlicht wurde.
Das Foto zeigt Janire Egana Zelaia im Konzert in Dortmund und stammt von Knut Vahlensieck, veröffentlicht in LINK