Artikel Aggression und Gewalt an Schulen nimt zu
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Jeder fünfte Hauptschüler hat schon einmal so hart
zugeschlagen, dass sein Opfer zum Arzt musste. Einer neuen Bochumer
Studie zufolge vermöbeln sich Schüler einander nicht öfter als früher -
aber deutlich brutaler.
Meist geht es um verletztes Ehrgefühl.
Immer häufiger wird das Klassenzimmer oder der Pausenhof
zum Schauplatz von Erpressung, Gewalt und, wie zuletzt in Meißen, sogar
Mord.
Die Berichte über Gewalt, Erpressungen und Mobbing an Deutschlands
Schulen häufen sich. Nach einer Untersuchung der Ruhr-Universität
Bochum hat jeder fünfte Hauptschüler einen anderen Jugendlichen schon
einmal so brutal verprügelt, dass dieser zum Arzt musste.
Und das gilt
nicht nur für Hauptschulen:
An Gesamtschulen haben etwa 20 Prozent der
Schüler in den letzten zwölf Monaten eine solche Körperverletzung
begangen, an Gymnasien sind es acht Prozent
Was ist Gewalt und Aggression?
Aggression und Gewalt - Versuch einer definitorischen Klärung
Aggression ist ein Begriff, der sehr unterschiedlich verstanden
wird. Einige Menschen assoziieren mit ihm Bedrohungen, verbale,
körperliche, sexuelle und seelische Gewalt, aber auch
Sachbeschädigungen. Andere sprechen durchaus auch bei „Missachtung oder
mangelnde[r] Hilfeleistung“ (NOLTING, 2006, S. 21) von Aggression. Für
die einen ist Aggression mit Streit und Zorn verbunden, die anderen
sehen ein Handeln aus kühler Berechnung heraus schon als solche an.
Wieder andere sprechen dann von Aggression, wenn sie eine
Verhaltensweise als ungerechtfertigt erachten. Dies alles sind
individuelle Ansichten. Bei Versuchen, eine allgemeingültige Definition
zu formulieren, kann überlegt werden, „welche Phänomene so benannt
werden sollten“ (NOLTING, 2006, S. 21). Innerhalb der
Aggressionsforschung gibt es hierfür verschiedene Ansichten.
Doch die
Forscher wurden sich insofern einig, dass zwei Aspekte übereinstimmen,
welche in einer Definition deutlich zum Ausdruck gebracht werden
müssen: Aggressives Verhalten bedeutet, einem Lebewesen zu schaden oder
es zu verletzen sowie die Absicht des Täters, bei dem Opfer negative
Folgen herbeizuführen (vgl. MUMMENDEY/OTTEN; in STROEBE et al., 2002,
S. 355). Im Bereich der Aggression gibt es sowohl weit als auch enger
gefasste Definitionen: Der weit gefasste Begriff ist vom lateinischen
Wort „aggredi“ abzuleiten und meint „an jemanden oder an etwas
heranzugehen oder jemanden anzugreifen“. Dieser Begriff bedeutet im
Prinzip dasselbe wie Aktivität und wird daher wenig verwendet.
Das
Individuum kann sich verhalten wie es möchte, es wird nach dieser
Auffassung immer als aggressiv angesehen. Zudem bleibt ziemlich unklar,
„welche Phänomene man eigentlich erklären und ggf. verhindern möchte“
(NOLTING, 2006, S. 25).
Ist eine Beleidigung heute schlimmer als eine Ohrfeige?
"Die Schüler
sind empfindlicher für Ehrverletzungen", sagt Feltes, "sie haben kein
Vertrauen in die Zukunft." Deswegen seien die Jugendlichen verunsichert
und reagierten auf eine Beleidigung intensiver. Bei den Schlägereien
gerät kaum ein Schüler ausschließlich in die Opferrolle. Wer an einem
Tag Prügel einstecke, teile am nächsten aus, so Feltes: "Es gibt nur
ganz wenige, die permanent Opfer von Gewalt und Schikanen sind."
Viele Schulen versuchen bereits, Schülern alternative Wege der
Konfliktlösung zu zeigen. In Rollenspielen und Projekttagen sollen
sie lernen, ihr Verhalten zu ändern. In Bochum etwa bietet die
Polizei seit fast zehn Jahren Projekttage an, in denen Schüler
lernen, sich bei einer Anmache richtig zu verhalten.
Ohne Gewalt stark
In der Bismarck-Schule in Nürnberg helfen sich die Schüler
untereinander: In jeder Klasse sitzt ein "Streitschlichter". Jeden Tag
treten zwei Schüler aus dem Team "Reden statt Schlagen" zur
Pausenaufsicht in der Hauptschule an und tragen orangefarbene Westen,
damit die streitenden Kinder sie auch als Ansprechpartner finden.
Streitschlichterprogramme und Projekttage helfen, hat Professor Feltes
herausgefunden. Er befragte die Achtklässler in Bochum
nämlich sowohl vor als auch einige Wochen nach dem Projekttag
"Ohne Gewalt stark".
Fazit: 70 Prozent der Schüler fühlten
sich nach dem Projekttag weniger ängstlich und hilflos - und
reagierten daher in Bedrohungssituationen nicht so aggressiv.
Die neueste Studie der Technischen Universität Dresden belegt
das hohe Gewaltpotentia.
Von etwa 5 Mio. Schülern der 5. bis 10. Klasse leiden ca. 7 bis 10%
unter Mobbing (von einfacher Belästigung bis zu körperlichen
Aggressionen) durch Klassenkameraden.
Professor Wolfgang Melzer, Leiter der
Forschungsgruppe: "Etwa 175000 der 12- bis l7-Jährigen sind zum Kreis
der notorischen Täter zu rechnen."
Beispiele aus jüngster Zeit:
An einer Kölner Gesamtschule schoss ein Schüler, 15, seinem
Klassenlehrer
mit einem Gasrevolver aus nächster Nähe ins Gesicht, verletzte
ihn schwer.In Metten/Niederbayern wurden drei 14-jährige Hauptschüler
festgenommen,
die ihre Klassenlehrerin, die Rektorin sowie Mitschüler ermorden
wollten.Es kam zu einer Schlägerei, Dominik
wurde mit einem Messer schwer verletzt.Die 15-jährige Monique wurde an einer Hamburger Gesamtschule immer
wieder von einem Klassenkameraden belästigt und betatscht. Als ihre
Mutter Lehrerin beschwerte, passierte nichts. Dann stellte Moniques Freund,
Dominik, 15, den Täter zur Rede.
Um nur einige Beispiele zu nennen!
Was sind die Ursachen für diese alarmierende Entwicklung?
Wissenschaftler sind sich einig, dass viele Faktoren eine Rolle spielen:
Veränderte Familienstrukturen. Wenn beide Elternteile oder Alleinerziehende
berufstätig
sind, bleibt für die Kinder mit ihren Sorgen und Ängsten oft zu
wenig Zeit.Mangelndes Interesse. Viele Eltern informieren sich erst über das schulische
Umfeld,
wenn die Noten schlechter werden.Die Auswirkungen der "Ellenbogen-Gesellschaft". Viele Kinder haben nicht
gelernt,
Konflikte verbal auszutragen, Kompromisse zu machen. Ein wichtiger
Erziehungsauftrag,
für den nicht die Lehrer, sondern die Eltern zuständig sind.Der Einfluss von Computerspielen oder der Medien. Im Durchschnitt hat ein
deutscher
Schüler bis zu seinem 13. Lebensjahr bereits 10000 TV-Morde gesehen.Perspektivlosigkeit. Steigende Jugendarbeitslosigkeit und Lehrstellenmangel
machen
Angst vor der Zukunft.
Wie können Eltern ihre Kinder schützen?
Der Kieler Psychologe Reiner Hanewinkel: "Eltern sollten das Umfeld ihres
Kindes kennen und Kontakt zu Ansprechpartnern, wie z.B. Klassenlehrern, halten.
Erste Warnzeichen, wie eine Leistungsverschlechterung oder
Verhaltensauffälligkeiten, nicht übersehen, sondern rechtzeitig
eingreifen."
Gibt es bei uns bald amerikanische Verhältnisse?
Hanewinkel: "Nein. Aber es ist jetzt höchste Zeit, dass die Schule ihren
Erziehungsauftrag neu definiert."
Wie soll das aussehen?
Prof. Wolfgang Metzer von der TU Dresden: "Wir schlagen die Einrichtung
eines Rates vor, in dem neben Schulaufsicht auch Jugendbehörden, Polizei,
Richter und Wissenschaftler vertreten sind. Aufgabe dieses Gremiums sollte
die Entwicklung eines Rahmenprogramms zur Gewaltprävention in Schulen
für jedes Bundesland sein." Doch bislang stößt der Professor
mit seiner Idee bei verantwortlichen Politikern auf taube Ohren.
Und besorgte Eltern fragen: Was muss eigentlich noch passieren?
Niedliche Mäusegesichter und sprechende Enten?
Von wegen: Zeichentrickfilme sehen heute viel zu oft ganz anders aus - und
sie strotzen vor Brutalität.
Ausgerechnet Kindersendungen enthalten die meisten Gewaltszenen,
im Schnitt herrscht pro Stunde sechs Minuten Hauen und Stechen. Zu diesem
Ergebnis kommen Prof. Dr. Helmut Lukesch und sein Team von der Universität
Regensburg. Sie nahmen Sender von arte bis Viva unter die Lupe, sichteten
712 Beiträge. Sie fanden auch heraus: In Spielfilmen und Serien sind
nur dreieinhalb Minuten pro Stunde Gewalt zu sehen, in Magazinen und
Dokumentationen weniger als drei Minuten.
Welche Sendungen sind die schlimmsten?
Lukesch: "Vor allem in japanischen Zeichentrickserien ist die Gewalt praktisch
allgegenwärtig." Der Anteil aggressiver Szenen in diesen Filmen ist
fast doppelt so hoch wie in Sendungen mit echten Schauspielern. Bei "Dragon
Ball Z" (Te1e5) sieht man z.B. abgehackte Körperteile, Verwundete schreien
vor Schmerz. Auch bei "Yu-Gi-Oh!" oder "Detektiv Conan" (RTL II) wird auf
Leben und Tod gekämpft.
Wie gefährlich ist das für Kinder?
Laut Lukesch wird die Gefahr unterschätzt: "Auch Zeichentrickfilme
können Kinder gewalttätig machen - sie schlagen, treten oder
beißen öfter, um sich wie ihre Helden zu wehren." Tatsächlich
sagte ein 10jähriger bei einer Umfrage des Internationalen Zentralinstituts
für das Jugend- und Bildungsfernsehen: "Mir gefällt, wie die brutal
werden und ausrasten."
Was sagen die Verantwortlichen?
"Wir halten alle Richtlinien ein", so Silke Schuffenhauer von Tele5. "Die
Serien sind von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft
geprüft. Zu blutrünstige Szenen werden herausgeschnitten.
Außerdem läuft 'Dragon Ball Z' erst um 19.15 Uhr - kleinere Kinder
sollten dann nicht mehr vor dem Fernseher sitzen." Verbieten könnten
solche Sendungen nur die Landesmedienanstalten (LMA) doch Dr. Peter Widlok,
Sprecher der LMA Düsseldorf, sagt: "Wir halten es für
übertrieben, jede Form von Gewalt im Zeichentrick mitzuzählen."
Laut neuester Statistiken kennen Kinder im Alter
von 13 Jahren bereits über 8000 Morde aus Fernsehprogrammen bzw.
Videofilmen, hat ein 17-jähriger 11 000 Stunden Unterricht gehabt und
15 500 Stunden ferngesehen.
Quelle: DPA; FAZ; STERN; bruening-film
Bider: DPA
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