Artikel Musik mit „Meer-Wert“ – Mare Nostrum
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Mare Nostrum – so heißt im Lateinischen das Mittelmeer.
So heißt auch ein besonderes
Jazz-Trio. Eine nicht alltägliche, aber spannende Kombination aus Akkordeon, Trompete
und Piano – als gleichberechtigte Instrumente, ohne Bassgitarre!
Und so heißt eine von ihnen 2007
bei ACT: The Art In Music, München, eingespielte CD: Musik mit einer Vielzahl
von Themen und Ausdrucksformen: mit „french touch“, schwedischen Folksongs,
Maurice Ravel, Tango, brasilianischen Standards ...
Das war ebenfalls der Titel des
einzigen Deutschlandkonzertes einer Europa-Tournee des französischen Weltstars Richard Galliano, der das Akkordeon im
Jazz emanzipiert hat, gemeinsam mit Paolo
Fresu, dem sardischen Poet auf der Trompete, und dem Schweden Jan Lundgren, der in Traumverlorenheit
Klavier spielt; vergleiche http://ksta.stadtmenschen.de/mdsocs/mod_blogs_eintrag/blog/verein/profil/akkordeonisten_remscheid/eintrag/Konzert_Richard_Galliano_Akkordeon_Bonn/ocs_ausgabe/ksta_blogs/index.html.
Im T-Mobile-Forum in Bonn sind
die 500 Stühle in großzügig gestellten Reihen alle besetzt. Auf der Bühne
stehen von links nach rechts ein Steinway-Flügel, ein chromatisches
Victoria-Knopfakkordeon und eine Akkordina – sie sieht aus wie eine große
Mundharmonika mit Knöpfen – sowie eine Trompete und ein Flügelhorn; dazwischen
viel Platz. Eine Nebelmaschine hinter dem Flügel lässt das Bild mit den drei
Künstlern auf einer 62 qm großen LED-Wand etwas verschwimmen. Das Publikum
heißt die drei herausragenden Instrumentalisten mit einem Begrüßungsapplaus
willkommen.
Wie die CD beginnt das Konzert
mit den Eigenkompositionen „Mare nostrum“ von Jan Lundgren und „Principessa“
von Richard Galliano. Es folgen das Arrangement „Eu Nao Existo Sem Voce“ von
Antonio Carlos Jobim mit Anklängen von „Over The Rainbow“ als Duo Akkordeon und
Trompete sowie die Eigenkompositionen „The Seagull“ von Jan Lundgren und „Valzer
del Ritorno“ von Paolo Fresu. Wir vermissen den fünften Titel auf der CD: „Que
reste-t-il de nos amours?“ oder auch „La Mer“ von Charles Trénet, den wir im Akkordeon-Orchester Wesseling (vergleiche
http://www.aow.mynetcologne.de) im
Repertoire haben: in einem Arrangement von Heinz Ehme im Big-Band-Stil. Etwa
nach einer Stunde pausiert Richard Galliano und die beiden anderen fühlen sich
vollkommen in das schwedische Volkslied „Varvindar Friska“ = „Fresh Winds In
The Spring“ ein. Ein Höhepunkt ist dann die Interpretation von „Ma Mère L’Oye“
oder auch „Mother Goose“ von Maurice Ravel.
Es ist Musik, die entspannt,
weil die viel beschäftigen Jazzmusiker auch niemandem etwas beweisen müssen.
Musik mit faszinierenden Klängen, harmonisch, melodiös unmittelbar ansprechend
und sehr emotional, warm melancholisch und charmant, sehr lyrisch und
stimmungsvoll. Eigentlich ist es Musik zum die Augen schließen, aber alle
schauen auf die Leinwand, auf der langsame Filmsequenzen oder Fotobetrachtungen
vorwiegend in Blau, aber auch in Dämmerungstönen präsentiert werden:
Wasserlandschaften mit Schiffen, zum Teil mit schwankendem Horizont oder in
drei Spalten mit sich verschiebenden Grenzen, Häuserfronten, Unterwasserbilder.
Ein Musikkenner vermisst etwas
heftigere Rhythmen, wünscht sich mehr Spannung mit dynamischen Extremen. Es ist
trotzdem Musik mit „Meer-Wert“. Sie könnte die Filmmusik für eine französische Lovestory
oder einen italienischen Krimi oder die Dokumentation einer schwedischen
Landschaft sein. Ueli Bernays hat
die Art der Musik nach einem Konzert dieses Trios in der Züricher Tonhalle treffend in Worte gefasst: „Man stelle sich bei einem Sonnenuntergang
über Capri ein üppiges Fischessen in Marseille vor, bei dem eine spanische
Tänzerin einem marokkanischen Intellektuellen von ihrer Reise nach Argentinien
erzählt oder nach Brasilien oder so …“ Jan
Lundgren charakterisierte diese Musik als Fluss verschiedener Musikstile,
als europäische Einheit ohne Grenzen, einmal so: „Länder, die über eine Küste verfügen, sind über das Meer verbunden.
Wasser setzt sich über territoriale Grenzen hinweg. Es fließt durch alle Meere
und trägt ständig Energie hin und her. Diese Energie fließt endlos. Ein anderer
Aspekt ist die Tatsache, dass man sich vollkommen frei und uneingeschränkt
fühlt, wenn man am Meer steht und zum Horizont blickt.“
Drei herausragende
Instrumentalisten mit großartiger Musikalität stehen hier auf der Bühne. Sie
spielen organisch und zeitlos miteinander, nicht gewollt, natürlich und
anmutig, ohne egozentrische Mätzchen trotz Virtuosität. Sie werfen sich die
Spielbälle mit aufreizender Lässigkeit und Treffsicherheit zu. Für ein
Jazzkonzert gibt es nur wenig Improvisation, dafür viel Expressivität,
vorwiegend von Akkordeon und Trompete. Die Trompete oder das Flügelhorn klingen
weich, aber kraftvoll – mit gesanglicher Jazzmelodik. Das Klavier fungiert
primär als Struktur schaffende „Begleitung“ mit „klassischen“ Jazz- und
Folk-Elementen. Alle drei basieren auf Noten, die sie auf dem Flügel, auf einem
Notenständer bzw. am Boden liegen haben. Richard
Galliano liebt es, in guter Begleitung auf der Bühne zu stehen: "Ich mag es, wenn jeder seine Stimme spielt
und man dann zu viert ins Gespräch kommt: zuerst ist der Bassist an der Reihe,
dann der Percussionist oder der Geiger....und ich höre zu! Für mich ist es
wirklich das Schönste, wenn ich nicht mir selbst zuhöre, sondern den anderen.
Meine Musik lebt zu 80% von Jazz, aber auch von Tango, Chanson und
lateinamerikanischen Rhythmen. Ich liebe brasilianische, venezuelanische oder
kolumbianische Musik, aber auch Mozart."
Richard Galliano steht mit seinem mächtigen Knopfakkorden, dessen
Abdeckung über den Klappen er wegen des direkten Tons abgenommen hat, auf der
Bühne. Süße Melancholie und expressive Leidenschaft charakterisieren sein Spiel
mit schmeichelnden Melodien und verfremdeten Harmonien. Immer wieder spannend
ist es, wenn er von der Akkordbegleitung in Soli wechselt, indem sich Schnörkel
verdichten. Mit frischer Natürlichkeit, aber auch improvisierend virtuos kommen
Chansons, Musettes oder Tangos daher. Seine Musik hat rhapsodische Elemente –
sie ist in der Volksmusik verwurzelt. Charmant ist aber auch sein Spielwitz
z.B. bei seiner Komposition „Chat Pitre“. Sein generell samtpfötiger
Musette-Stil gibt diesem Trio seine besondere Note.
Nach zehn Titeln gibt es einen
„ersten“ Schlussapplaus, nach insgesamt 90 Minuten mit drei eingeplanten
Zugaben – zum Schluss sogar ein Werk von Claudio Monteverdi – ist das Konzert
zu Ende. Eine Pause hätte die aufgebaute Stimmung unterbrochen!
Wer sich selbst einmal „einen Ton machen“ möchte – auf
YouTube gibt es zwei Live-Mitschnitte von der JazzBaltica im Juni 2007: das gut
8 Minuten dauernde Titelstück „Mare nostrum“ von Jan Lundgren, vergleiche: http://www.youtube.com/watch?v=CzO_x43xX20,
und den gut 5 Minuten füllenden schwedischen Folksong „Varvindar Friska“,
vergleiche: http://www.youtube.com/watch?v=aQSe8ioUC2A.
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