Artikel Deutsch-deutscher Einheitsvertrag: Bombendrohung auf Wolfgang Schäuble
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„Bombendrohung? Wir räumen nicht“
Damals geheimgehalten, macht Wolfang Schäuble heute öffentlich:
Der Akt zur Unterzeichnung des
deutsch-deutschen Einigungsvertrages am 31. August 1990 wurde von einer Bombendrohung im Berliner
Kronprinzenpalais überschattet. Schon zuvor drohte Unheil, weil man sich auf
Übergangsregelungen zum
Paragraphen 218 erst in letzter Minute einigen konnte. Als Schäubles
Meisterwerk endlich offiziell abgesegnet war, lagen viele Monate Arbeit und
ganz besondere 24 Stunden hinter ihm.
Es war ein heisser Tag in Bonn. Der Vertrag über die Deutsche
Einheit
war im Prinzip unterschriftsreif. Ich glaubte, alle strittigen
Fragen
seien geklärt, denn alle Parteien, auch die Opposition, hatten
Zustimmung signalisiert. Es war 13.00 Uhr. Die feierliche
Unterzeichnung sollte exakt 24 Stunden später in Berlin
stattfinden.
Ich las nocheinmal die wichtisten Passagen des Vertrages. Dann lud
ich
alle Chefs der Staats- und Senatskanzleien an einen Tisch, um
letzte
Details zu klären. Es gab die üblichen Versorgungseinheiten:
Kaffee,
Tee, belegte Brötchen. In der Luft lag Tabakqualm. Obwohl wir so
dicht vor dem Ziel waren, war
eine wichtige Frage noch ungeklärt: Die FDP und mit ihr die
Delegationen der SPD bemängelten die Regelungen zum
Schwangerschaftsabbruch, die ja in der DDR anders definiert waren
als
in der Bundesrepublik. Seit dem 24. August stritten wir darum. Die
Vertreter meiner Partei zeigten sich unnachgiebig: Sie bestanden
darauf, dass der Paragraph 218, der einen nicht indizierten
Schwangerschaftsabbruch unter Strafe stellte, ab sofort auch für
die
DDR gelten sollte. Die Liberalen und die Sozialdemokraten waren
dagegen. Sie wollten wenigstens eine Übergangsregelung erreichen,
die
ich zwar gefühlsmässig unterstützte; ich war mir aber sicher, dass
sich
einige CDU sich in dieser sensiblen Frage niemals bewegen würden.
Die
mehrstündige Suche nach einem Kompromiss endete mit der
Festschreibung
einer 3jährigen Übergangsregelung für die Fristenlösung in der
DDR.
Es
war kurz vor Mitternacht. Ich war ins Schwitzen gekommen, denn der
Vertrag hatte kurzzeitig auf der Kippe gestanden.
Der Verhandlungsführer auf Seiten der DDR, der damalige
parlamenatarische Staatssekretär und de Maiziere-Vertraute
Günter Krause und ich paraphierten das Werk um 2:08
Uhr im Bonner Innenministerium. Der vorletzte Schritt vor einer
endgültien Besiegelung. Ich war müde, abespannt, ausgelaugt. Die
letzten Monate hatten mich viel Kraft gekostet. Dennoch spürte ich
ein
gewisses Hochgefühl, denn das, was da vor uns lag, dieser Stapel
Papier, war einmalig in der jüngeren politischen Geschichte. Vier
Stunden Schlaf. Traumlos, schwerelos, ruhelos. Ich wusste: Der
nächste
Morgen würde nocheinmal spannend werden, denn noch war nichts
unterschrieben. Noch nicht einmal die Kabinette beider Länder
hatten
die Paraphierung gebilligt. 9.00 Uhr. Beinahe zeitgleich gaben die
Regierungsverantwortlichen in Bonn und Berlin grünes Licht für
eine
Unterzeichnung. Ich flog nach Berlin. Es sollte ein Tag werden,
der einigen Zündstoff in sich barg. Das Kronprinzenpalais, ein
stattlicher, wilhelminischer Bau direkt neben der Staatsoper Unter
den
Linden, war voller Menschen: Journalisten, Kamerateams, Vertreter
beider Regierungen und all jene Spezialisten, die gemeinsam an dem
360 Seiten starken Vertrag gearbeitet hatten.
Der Staatsschutz war wachsam. Die Polizei patroullierte. Vor der
Palais
eine Demonstration von Gegnern des Vertrages. Um 13.15 Uhr war es
soweit: Wir unterschrieben. Wir waren glücklich, eine Last fiel
von uns ab.
Eine halbe Stunde später plötzlich Aufregung. Was war los? Wir
wollten
feiern, wollten keine Störung, denn wir waren am Ziel. Bombenalarm
für 14 Uhr! Ein Sicherheitsmann beugte sich an mein Ohr.
"Räumen?",
fragte
er mich. Ich sagte: "Nein. Weiss man denn was Näheres? Ist es
ernst
gemeint?" Offen gestanden: Ich hatte keine Lust, diesen Ort
zu
verlassen. Ausserdem: Wenn man jeder Drohung nachgibt und räumt,
ermutigt man am Ende diese Irren zu weiteren Taten. Irgendein
Gefühl
sagte mir, dass diese Drohung blinder Alarm sei. Fatalismus nach
den vielen Wochen der Anspannung? Die Beamten blieben unruhig und
hektisch.
Die Zeiger gingen auf 14 Uhr, ohne das etwas passierte. Es war
unser
Tag, nicht der Tag der Querulanten. Wir saßen und rauchten,
redeten
und
waren müde. Draußen räumten Bagger Mauerreste weg.
Aufgezeichnet von Marc Kayser
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