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Artikel Wenn die Amerikaner sorry sind

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Wenn die Amerikaner sorry sind

                   Von Ursula Tillmann

     Die englische Sprache macht mich stumm. Sie verdummt mein Denken und Tiefgang. Sie sagen sorry und meinen allerlei damit, nur nicht, dass es ihnen wirklich leid tut. Der American Way of Life is ein Niemandsland. Es ist keiner da. Und wenige wollen es wissen.
       Schon wieder haben sich zwei Politiker und ein Sportler in dieser Woche im Fernsehen öffentlich entschuldigt, dass sie sorry sind über ihren ausschweifigen Lebensstil. Ja, ja, denke ich, seid nur sorry, dass man Euch erwischt hat. Es tut Euch wirklich leid, dass gerade Eure aussereheliche Liebschaft nun zur öffentlichen Begutachung und Schande am Pranger steht. Die Tat selbst, steht nicht vor dem Richter. Doch die Networks der Fensehanstalten überschlagen sich mit Analysen von Experten. Sogar Psychologen werden eingeladen und zitieren Freud als gewichtige Entschuldigung für dererlei Fehltritte.
       Aber der Mann habe ja sorry gesagt, lautet ihr Argument. Und schon deshalb müsse man ihm vergeben. Er hat es laut und deutlich vor laufenden Kameras gesagt, in aller Bescheidenheit und mit leiser Stimme. Das sei heroisch gewesen, wahrhaftig mutig. Eine solche Ehrlichkeit habe man schon lange nicht mehr von einem Politiker gehört. Dazu müsse man ihn beglückwünschen, ihn bewundern. Und die Kommentatoren überschütten die Person, die sorry sagte mit, Wohlwollen. Es wird nichts hinterfragt, nach Motiven gesucht oder dergleichen. Es fehlen die
englischen Vokabeln. Und auch das Wissen der Experten. Die Tat is vergessen. Die
Grosszügigkeit des American Way of  Life sendet sich quer durchs Land in Wohnstuben von Familien, die mit Popcorn und Kartoffelchips die Nachrichten hinunterwürgen. Ein feiner Mann ist dass, der da spricht und beichtet. Dem muss man doch vergeben. Und was gibt es sonst noch Neues?
      Sie wechseln den Fernsehkanal, denn auch auf Nummer sieben wird alles gleich noch einmal wiederholt. Mit neuen Kommentatoren, aber gleichen Argumenten. Auch hat man inzwischen die Werbeminuten bei allen Übertragungen verlängert. Ja, ja. Man muss halt das Eisen schmieden, solange es noch glüht. Sorry verkauft auch Staubsauger und Waschmaschinen. Und so vergeht der Abend.
        Ein Gefühl des Frohsinns kommt auf. Es sind die anderen, deren Nöte und Missetaten aufgedeckt wurden. Und die eigene Stärke wächst noch ein bisschen. Der Betrachter fühlt sich sicher, nicht einmal ermahnt, dass auch er eines Tages ertappt werden könnte. Doch wiederum, ein Problem wäre es nicht. Denn wer gesteht und auch noch sorry sagt, dem wird vergeben. Immer. Denn das ist der amerikanische Lebenstil. Vergeben und vergessen. Das schrieben sich die Väter der Einwanderer auf ihre Fahnen, als sie fremde Wiesen betraten.
       Ja, Vergeben, so wurde es gelehrt. Da hilft es auch nicht, dass der eine oder andere meint, es würde den Missetätern allzu leicht gemacht. Ja tatsächlich könnte es annimieren zu lügen und betrügen wie man wolle. Denn Vergebung ohne Reue sei das Ziel. Aber nein, sagen sie. Er bereut es ja stets, er sagt sorry. Mensch, können Sie denn nicht hören. Da darf man dann nicht nachtragend sein. Sehen sie sich doch den Mann an, wie er dasteht vor den laufenden Fernsehkameras. Und die Frauen, schauen sie auf die Frauen. Sie sind stets zur Seite. Ja, wenn eine Frau ihrem Mann schon vergibt, dann kann doch ein ganzes Volk nicht untätig und ohne Vergeben daneben stehen.
         Was meinen Sie denn dazu? Steht es nicht auch so in der Bibel? Wir sind Amerikaner, nicht Atheisten wie Ihr. Das sagen sie, wenn man noch mit ein wenig Tiefgang diese Vorgänge beleuchten will. Nichts weiter wollen sie hören. Expertenrunden im Fernsehen geben ihnen recht. Und alles ist wieder gut. Jetzt soll sich doch wahrhaftig wieder jeder um sich selbst kümmern. Die Show ist gelaufen. Jetzt wollen wir noch ein wenig Eishockey schauen. Der Abend ist ja noch lang. Und sonst gibt es nichts Neues.

Die Autorin ist in Deutschland geboren und aufgewachsen.
Sie lebt seit zwanzig Jahren in Nord Amerika.


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