Artikel Joachim Gauck | Wer ist er eigentlich?
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Joachim Gauck (* 24.
Januar 1940
in Rostock)
ist ein deutscher protestantischer Pastor, Bürgerrechtler und führendes Mitglied des Neuen
Forums in Rostock zur Zeit der friedlichen
Revolution in der DDR. Von der im März 1990 frei gewählten Volkskammer wurde er als deren
Abgeordneter zum Vorsitzenden des Sonderausschusses zur Kontrolle der
Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS)/Amt für Nationale
Sicherheit (AfNS) gewählt und war einer der Hauptinitiatoren des Stasi-Unterlagen-Gesetzes der
Volkskammer.
Als Bundesbeauftragter wurde Gauck mit Vollzug der deutschen Einheit am 3. Oktober
1990 Chef der künftigen „Gauck-Behörde“, die den Stasi-Nachlass verwaltet
und kontrolliert zugänglich macht. Nach den vorgesehenen maximal zwei
Amtszeiten wurde er im Oktober 2000 von Marianne Birthler in dieser Funktion abgelöst. Seither
wirkt Gauck im öffentlichen Raum durch Vorträge und Medienaktivitäten,
so auch in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Vereinigung Gegen Vergessen – Für
Demokratie.
Zu der nach dem Rücktritt von Amtsinhaber Horst Köhler kurzfristig anberaumten Wahl eines neuen
Bundespräsidenten am 30. Juni 2010 wurde Gauck (parteilos) von den
Parteivorsitzenden der SPD und der B’90/Grünen als Gegenkandidat zu dem
durch die Vorsitzenden von CDU, CSU und FDP vorgeschlagenen Christian Wulff nominiert.
Elternhaus und
Kindheit (1940–1946)
Der bei Kriegsende Fünfjährige blieb von dem
Bombenkrieg in Wustrow auf dem Fischland
weitgehend verschont. So hat er von der Zerstörung der Altstadt
Rostocks im April 1942 nur aus den Erzählungen Erwachsener erfahren, die
auf dem Wustrower Deich standen, den über Rostock aufsteigenden Rauch
beobachteten und bei Westwind die angewehte Asche in den eigenen Gärten
vorfanden. Von Juli bis Dezember 1943 besuchte Gauck mit seiner Mutter
und der jüngeren Schwester Marianne den in Gotenhafen
stationierten Vater, der als Kapitän
zur Marine eingezogen worden war. Das unmittelbar an der Ostsee
gelegene Haus von Gaucks Großmutter väterlicherseits wurde von der Roten
Armee zu militärischen Zwecken umgehend requiriert und später an
einen Großbetrieb verpachtet
Jugend
(1951–1958)
Mit elf Jahren – der Vater arbeitete nach seiner Rückkehr aus der
Kriegsgefangenschaft als Arbeitsschutzinspektor für Schifffahrt auf der
Rostocker Neptun Werft – begann für den Sohn Joachim eine
prägende Lebensphase. Denn am 27. Juni 1951 wurde der Vater von zwei
Männern zunächst gesucht und dann im Wagen weggebracht. Alle
Nachforschungen bei der Volkspolizei, der Kriminalpolizei und
der Staassicherheit blieben
vergeblich. „Wenn die Russen Ihren Mann geholt haben, können wir nichts
machen.“[3]
Niemand erfuhr, dass man ihm in Schwerin
vor einem sowjetischen Militärtribunal den Prozess machte. Als
angeblicher Spion[4][5]
und wegen „antisowjetischer Hetze“ (als Beweisstück wurde eine
nautische Fachzeitschrift westlicher Herkunft aus seinem Besitz
vorgelegt) wurde er zu zweimal 25 Jahre Freiheitsentzug verurteilt. Man
verbrachte ihn zum Holzfällen nach Sibirien
in ein Arbeitslager, wo er binnen eines Jahres so
abmagerte, dass er als „invalidisiert“ eingestuft wurde und leichtere
Arbeit erhielt. „Wir wussten nichts von alledem. An Sibirien dachten wir
nicht. Wenn er lebt, so die Vermutung, sitzt er in Bautzen.“[6]
Alle Eingaben an staatliche Stellen und Gesuche beim Staatspäsidenten Wilhelm
Pieck blieben ohne Ergebnis.
„Ich begann, für meinen Vater zu beten. Unsere Familie
war nicht sonderlich religiös, schlicht norddeutsch protestantisch,
tägliche Gebete gehörten keineswegs zu unserer Gewohnheit. Aber ich
zwang mich, jeden Abend in meinem Kinderzimmer an den Abwesenden zu
denken. Nicht, dass ich eine besonders enge Bindung an ihn gehabt hätte,
aber leben sollte er doch, und wiederkommen sollte er auch.“[7]
Die geringe Sozialunterstützung, die der Mutter ausgezahlt wurde,
genügte so wenig zum Leben, dass sie sich trotz der Schwierigkeiten, die
man der Frau eines „Abgeholten“ machte, um eine eigene Arbeitsstelle
bemühte, letztlich erfolgreich. Der nach dem Vater benannte Joachim und
seine beiden Geschwister aber wurden zu strenger Ablehnung jener
staatlichen Obrigkeit erzogen, der das spurlose Verschwinden des Vaters
angelastet wurde:
„Das Schicksal unseres Vaters wurde zur
Erziehungskeule. Die Pflicht zur unbedingten Loyalität gegenüber der
Familie schloss auch die kleinste Form der Fraternisierung mit dem
System aus. Das machen wir nicht, vermittelte uns die Mutter
unmissverständlich. Ich hatte dieses Gebot so verinnerlicht, dass ich
nicht einmal mehr durch die Freizeitangebote der FDJ in Versuchung
geriet. Dafür lebte ich in dem moralisch komfortablen Bewusstsein: Wir sind die Anständigen. Intuitiv wehrte ich das Werben des Regimes für
die Akzeptanz seiner moralischen und politischen Ziele ab, denn über uns
hatte es Leid und Unrecht gebracht.“[8]
Nach eigenem Bekunden äußerte Gauck seine Abwehr aller schulischen
Beeinflussungsversuche recht freimütig, mitunter pubertär-großmäulig und
dabei stets in dem Bewusstsein, Recht und Moral auf seiner Seite zu
haben. So wurde der Volksaufstand vom 17.
Juni 1953 zu einem elektrisierenden Erlebnis für ihn, denn auch auf
der Neptun Werft streikten am 18. Juni 5.000 Arbeiter und forderten den
Rücktritt der Regierung. Der sowjetische Militärkommandant verhängte
das Kriegsrecht über Rostock, und der Aufstand wurde wie überall in der
DDR gewaltsam niedergeschlagen. Dennoch zeigte sich für Gauck auch im
Schulalltag vorübergehend eine Lockerung des streng „klassenkämpferischen“
Kurses der SED.
Im September 1953 erfuhr die Familie, dass der Vater noch am Leben
war und in einem näher bezeichneten sibirischen Lager arbeitete, so dass
man nun Briefkontakt zu ihm unterhalten konnte. Seine Rückkehr im
Oktober 1955 als Folge der westdeutschen Moskauer Verhandlungen von Bundeskanzler Konrad Adenauer, der die Freilassung von 10.000 deutschen
Kriegsgefangenen und 20.000 Zivilinternierten als wichtigstes Anliegen
vorgetragen hatte, änderte nichts an der ablehnenden Haltung der ganzen
Familie gegenüber dem SED-Regime.
Noch im Sommer 1955, unmittelbar vor der Rückkehr des Vaters aus
Sibirien, war Gauck als Fünfzehnjähriger auf Einladung gemeinsam mit
einem Cousin ins Saarland gefahren und für einen Tag per
Anhalter nach Paris
gekommen. Auch in Hamburg, auf Fahrradtour in Schleswig-Holstein und häufig via S-Bahn
in West-Berlin lernte er bis zum Mauerbau 1961 westliches Flair kennen, ohne aber ernsthaft an
ein „Rübermachen“ zu denken: „Meine Heimat liebte ich seriös, meinen
Westen wie eine Geliebte.“[9]
In Gaucks Umfeld war das bis zur „Errichtung der Friedensgrenze“ und des
„antifaschistischen Schutzwalls“ oft ganz anders:
„‚Republikflucht’ war vor 1961 ein Massenphänomen. Aus
manchen Abiturklassen ging Ende der fünfziger Jahre die Mehrheit der
Schüler, bei vielen war die Entscheidung vorhersehbar. Zum Jurastudium
beispielsweise wurden nur überzeugte Kommunisten zugelassen. Wenn jemand
Apotheker oder Arzt werden wollte, selbst aber aus einer Apotheker-
oder Arztfamilie stammte, hatte er kaum Chancen zur Universität
delegiert zu werden. Bevorzugt wurden Arbeiterkinder – darunter fielen
allerdings auch die Kinder von Funktionären.
Studium
und Ausübung des Pastorenamtes (1958–1989)
Die Berufschancen des den sozialistischen Gehorsam verweigernden
Gauck waren in der DDR erst recht beschränkt. Seine Wunschprofession Journalismus
schied angesichts der Umstände von vornherein aus. So blieb ihm, wenn
er blieb, nur die Wahl, eine Lehre anzufangen oder Theologie
zu studieren. Er entscheid sich für Letzteres und studierte von 1958
bis 1965 in Rostock. Bei der Entscheidung für die Theologie ging es ihm
anfänglich aber nicht um die Qualifizierung für eine Pfarrstelle,
sondern vornehmlich um philosophischen Erkenntniszuwachs und um
Argumente gegen den obrigkeitlich verordneten Marxismus.
Dafür boten allein die theologischen Fakultäten in der DDR einen
Freiraum.
„Mein Weg zur Theologie war in der DDR nicht
ungewöhnlich. Vor und nach mir haben sich viele aus ähnlichen Motiven
für diesen Beruf entschieden – was das starke Engagement vieler Pastoren
beim politischen Aufbau 1989 erklärt. […] Anders als die elterliche
oder die staatliche Autorität bot der Glaube die Möglichkeit, sich einer
Wahrheit anzuvertrauen, die von niemandem befohlen und von niemandem
genommen werden konnte. Er vermittelte eine geheimnisvolle Kraft, die
uns befähigte, den Minderheitenstatus durchzuhalten, mutig zu bleiben,
wo andere sich schon angepasst hatten, und Anständigkeit, Treue und
Glauben für wichtiger zu halten als Wohlstand, Karriere oder
öffentlichen Erfolg.[11]“
Noch nach dem Studium war die Entscheidung für den Pfarrberuf nicht
gefallen. Erst während seines Vikariats in Laage
stellte sich bei Gauck im Kontakt mit den Gemeindemitgliedern das
Zutrauen ein, dem Pastorenamt als Person und im Glauben gewachsen zu
sein.
„In der Begegnung mit den Gemeindemitgliedern aber habe
ich die Angst verloren, vom Zweifel verschlungen zu werden. Ich konnte
geistlich wachsen und selbst etwas ausstrahlen. Ich lernte, dass Glaube
eigentlich ein Dennoch-Glaube ist, ein Glaube auch gegen den
Augenschein; und dass es erlaubt ist, mit dem Zweifel in den Kreis der
Glaubenden einzutreten, auch mit dem Zweifel zu leben und zu predigen.
Ohne diese Erfahrung hätte ich das Leben als Pastor wohl nicht
ausgehalten, denn oft gelangte ich an die Grenzen meiner theologischen
Möglichkeiten.[12]“
Die Pfarrstellen betreute Gauck, der seine Jugendliebe Hansi als
Student geheiratet hatte, nach seiner Ordination
zugleich als Vater. Für die Evangelisch-Lutherische
Landeskirche Mecklenburgs arbeitete er als Pastor zunächst in Lüssow. Hier betreute er eine ländliche
Gemeinde, in der der Kirchgang vieler Gemeindemitglieder noch
regelmäßig stattfand und in der die Kinder einen großen Bewegungsradius
im Grünen genossen. Als die Familie dann 1971 in die Wohnsiedlung Rostock-Evershagen
umzog und Gauck die dortige Pastorenstelle annahm, war für alle
Familienmitglieder vieles anders. Hier hatte Gauck zur Gewinnung einer
ansehnlichen Gemeinde intensive Missionsarbeit zu leisten und merklich
weniger Zeit für die Familie, zumal er nun auch als Kreis- und
Stadtjugendpfarrer tätig war. Zwischen 1982 und 1990 war er der Leiter
der Kirchentagsarbeit in Mecklenburg.
Gauck hat vier Kinder. Zwei Söhne sind Ende 1987 und eine Tochter im
Juni 1989 in den Westen ausgereist.[13]
1990 ließ er sich von seiner Ehefrau Hansi scheiden.[14]
Seit 2000 ist Gauck mit der Nürnberger Journalistin Daniela Schadt
liiert.[15]
Bürgerrechtler
und Volkskammerabgeordneter in der Wende-Ära (1989–1990)
Als sich 1989 in der Bevölkerung der Widerstand gegen die Regierung
formierte, wurde Gauck Mitglied des Neuen
Forums Rostock, zu dessen Sprecher er bald avancierte. Er leitete
die wöchentlichen Gottesdienste und führte die anschließenden
Großdemonstrationen an.
Ab März 1990 bis zur Auflösung der DDR im Oktober desselben Jahres
vertrat Gauck als Abgeordneter das Neue Forum in der Volkskammer.
Dort übernahm er die Leitung des Sonderausschusses zur Kontrolle der
Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS)/Amt für Nationale
Sicherheit (AfNS) und wurde zu einem der Initiatoren des Stasi-Unterlagen-Gesetzes der
Volkskammer. Am 28. September wurde Gauck in der letzten
Arbeitssitzung der Volkskammer zum Sonderbeauftragten für die
personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes
der DDR gewählt und am 3. Oktober 1990, dem Tag des Beitritts der
DDR zur Bundesrepublik Deutschland, von Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Bundeskanzler Helmut
Kohl als Sonderbeauftragter der Bundesregierung für die
personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes in dieser Funktion bestätigt.
Mehr dazu gibts auf: http://de.wikipedia.org
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Vor der Wende kannten Herrn Gauck in der DDR sicher genausoviel bzw. genausowenig Bürger, wie sie Frau Merkel kannten. Seine Sichtweise der DDR, der Wende und der Nachwendezeit entsprechen den Sichtweisen der direkten Opfer der SED-Herrschaft. Das ist absolut verständlich, aber in keiner Weise typisch für den ehemaligen DDR-Bürger, ist deren Anteil an der DDR-Bevölkerung mit weniger als einem Prozent doch eher gering. Deshalb hat Herr Gauck auch kein Verstädnnis, in etlichen Talkrunden gezeigt, für die Enttäuschung vieler ehemliger DDR-Bürger über die hierzulande praktizierte Demokratie sowie über die sozialen Verhältnisse. Herr Gauck ist sicher als Wendegewinner zu sehen.
Mal so als Frage, kennt wer den Joachim Gauck aus der DDR persönlich? Ich war da erst 14 und habe von ihm net soviel mitbekommen.