Inzest - eBook | XinXii.comt
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Andreas Thiemig: Die Ereignisse beruhen zu großen Teilen auf authentischem Geschehen. Diese Story ist nur nach erstem Anschein eine Liebesgeschichte. Die beiden Pr...
Vielleicht liest mal jemand ins Expose hinein. Wie auf dem elektronischen "Klappentext" geschildert beginnt alles wie eine Liebesgeschichte, die sich jedoch zu einem unerhörten Drama mit tödlichem Ausgang auswächst, eben weil die Dinge laufen wie sie laufen müssen.Auf xinxii.com weiterlesen
103 KommentareKommentare zu Inzest - eBook | XinXii.comt
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Ganz nebenbei: du, mein lieber Robert, solltest dich in dieser Frage des Gewinnens oder Verlierens jeglicher Hoffart strengstens enthalten. Denn du gewinnst zwar zur Zeit – aber um welchen Preis? Wie sehr leidest du unter den Zwängen deines Geschäftes, und war das nicht immer so, wenn du schon irgendwo Erfolg hattest? Was glaubst du, wie lange du das noch durchhältst? Vielleicht ziehst du dich auch bald zurück und lebst auf einem sehr bescheidenen Niveau. Dein Schicksal ist zwar nicht so hart wie Michelles, das bisschen Schlägerei von unseren Eltern, jedenfalls hat dich niemand ein paar Jahre lang missbraucht und vergewaltigt, aber zutiefst misstrauisch gegen alle und jeden bist du auch, schon immer gewesen, Beziehungen interessieren auch dich weit mehr als Sachfragen, und eigentlich bleibst du dein Leben lang unter
wahrscheinlich an den entscheidenden Stellen vieles verkehrt. Oder sie kann sich nicht auf die wesentlichen Dinge konzentrieren. Es ist schon komisch. Zum Beispiel komme ich ins Büro, und meine tüchtige Frau Naumann hat die anderen Handelsvertreter geschult. Man mag nun über unser Geschäft denken was man will, aber jedenfalls gibt es auch hier, wie überall, ausgeklügelte Methoden, unsere Kunden zu überzeugen. Es gibt ein Gespräch in sechs vorgegebenen Stufen. Ich komme also nach der internen Schulung ins Büro, frage in die Runde: „Es wurde wohl geschult?“ , alle bejahen, ich frage weiter: „Wurden unsere Gesprächsstufen geschult?“ – sie bejahen, ich frage Michelle (zwei Minuten nach der Schulung): „Wie viele Stufen gibt es denn?“, und sie lächelt mich begeistert an und zuckt mit den Schultern: „Waren es drei?“ Wo hatte sie ihre Aufmerksamkeit? Ist sie zu sehr mit den Menschen um sich herum beschäftigt (einfach weil sie das sehr zeitig als bittere Notwendigkeit begreifen musste), so dass sie sich auf reine Sachfragen gar nicht konzentrieren kann? Michelle ist – nach John Warham – eine Verliererin. Und was schreibt der gute Warham über solche Leute? „Jemand sollte natürlich auch diese Menschen beschäftigen“, schreibt er, „aber das müssen nicht gerade Sie als Unternehmer sein. Schützen Sie sich vor den Verlusten, die solche Mitarbeiter produzieren werden.“ Das ist die kalte Logik des Kapitalismus, und ganze sozialphilosophische Systeme wurden hierzu entwickelt, Parteien und Organisationen setzen sich mit diesen Fragen auseinander. Die DDR hatte übrigens eine eigene Haltung zu diesen Fragen: Die Alkoholiker, die Gescheiterten und Gestrandeten wurden in ein Arbeitskollektiv gesteckt und nötigenfalls morgens zur Arbeit abgeholt, und jedenfalls gab es keine Obdachlosigkeit und viel weniger sichtbares Elend. Dafür ging der Staat gleich komplett pleite.
Er fuhr also wieder über die Hügel des Hochlands und versuchte zu ergründen, was sich verändert hatte. Oft dachte er: Nichts. Nichts hat sich verändert. Dann durchzuckte ihn der trancehafte Gedanke an seine Elite, und er dachte: ALLES. Alles hat sich verändert. Er erwog, etwas zu trinken, verwarf dies aber sehr schnell. Ich muss jetzt stark bleiben. Michelle darf nichts merken. Natürlich wird sie nichts merken. Ich habe sie nun restlos durchschaut. Sie ist gebeutelt durch den Inzest und die Gewalt in ihrer Familie, sie arbeitet ihre Tragödie an mir ab und weist mir eine Rolle zu, in die ich eigentlich sehr wenig passe. Völlig irrational ist das. Man fragt sich, ob es echte Liebe bei ihr gibt. Vielleicht ist ihr gesamtes Leben viel zu schwer, als dass sie so was noch empfinden könnte. Sie kriegt weder privat, noch beruflich,
dorthin, und er lächelte ebenfalls still vor sich hin und schüttelte leicht den Kopf und trat durch die Tür und wandte sich geschäftsmäßig, aber mit stiller Heiterkeit, seinen anderen Kollegen zu. „Wie läuft's denn so, Kollegen?“ „Das Wasser läuft immer so den Fluss lang runter, Chef“, konstatierte Frau Naumann. „Und hört nicht auf zu laufen.“ „Heute lade ich euch mal wieder zum Essen ein.“ „Sehr schöne Idee. Wenn wir abgerechnet haben.“ „Jawohl.“ Sie rechnen rasch, in gelöster Stimmung, ab. Alle sind zufrieden, denn das Geschäft funktioniert nach wie vor sehr gut. Schließlich entsteht Aufbruchstimmung, sie treten schnatternd auf die Straße und laufen zu einem nahgelegenen chinesischen Restaurant. Als sie reingehen – Robert zufällig hinter Michelle – streicht er von hinten über ihren Rücken und ihren Po, und beide genießen diese Heimlichkeit. Er setzt sich neben sie. Die Kollegen schwatzen heiter vor sich hin, und Michelle berührt unter dem Tisch sein Bein, immer wieder, er erwidert den Druck, und beide unterdrücken ein überschwängliches Lächeln und glauben sich unbeobachtet, obwohl Frau Naumann ziemlich genau hinschaut. Schließlich nimmt Robert das Handy und schreibt an die neben ihm sitzende Michelle eine SMS: „ich habe ein kleines bisschen Sehnsucht nach dir.“ „Nur ein bisschen?“ antwortet sie, während sie errötet. Die Kollegen tun, als hätten sie nichts gemerkt. „Bis nachher?“ fragt Robert per SMS, und als Antwort drückt sie ihr Knie gegen sein Bein.
vorbehalten, zu solch einer Tat zu schreiten. Ich muss nun meinem Plan folgen. Hier sitzt Michelle, und mein Ziel muss es heute sein, mich ihr wieder soweit zu nähern, dass ich bei ihr übernachten kann. Wochentags, um die Gewohnheiten ihres Vaters herauszufinden. „Wie ist denn die Woche gelaufen – Michelle?“ fragte er schließlich leise. Sie blickte ihm gerade in die Augen. In diesem Moment entdeckte er wieder ihre Schönheit, war augenblicklich sehr betroffen, fühlte seine elitäre Trance sich auflösen und erinnerte sich urplötzlich an seine eigene Schönheit, die er vergessen hatte. Sie waren beide nicht fähig weiteres zu besprechen. Statt dessen berührte er sacht ihre Hände, und Michelle durchzuckte die
Bild eines kalt-beherrschten Roberts auf. Michelle hatte in diesem Moment gespürt, wie sich ihre Hände um die Decke gekrampft hatten, und nur dieser heftige Griff hatte ihr gezeigt, dass sie wachte und nicht schon wieder träumte. Nun hatte sie für den Rest der Nacht im Bett gesessen und war nur gelegentlich weggedämmert, aufgeweckt stets nach kurzer Zeit von heftigem Herzrasen. Robert war an diesem Morgen im Büro stocknüchtern. Sein Plan hatte sich endgültig festgesetzt, und fortan lebte er in einem Zustand von Trance, in welchem er heimlich dachte: ich habe mich zum Äußersten entschlossen, zu dem, was fast alle anderen niemals wagen würden. Und es mag Raskolnikow oder auch der Faschist in mir sein, aber: ich bin nun Elite. Mit einem Gewaltstreich werde ich den gordischen Knoten zerschlagen. Es wird ein Opfer geben, aber dieses Opfer ist kein unschuldiges. Seine Schuld ist sorgfältig durchdacht und begründet. Nur den Stärksten ist
Priorität, die Bilder schoben sich nach oben, unten und seitwärts, so wie etwa ein Kartenleger die Tarot-Karten hin und her zu neuen Bedeutungen schiebt, und Soraya glitt nach unten und verschwand bald aus dem Bild, so dass Michelle erleichtert dachte: Um sie muss ich mir voraussichtlich keine Sorgen machen. Auch ihre Schwester und ihr jüngerer Bruder traten bald ab. Beim älteren Bruder Sven verharrte das Bild eine Weile, sein Antlitz wechselte mit dem ihres Vaters und gelegentlich ihrer Mutter, um schließlich ebenfalls zu verschwimmen und sich aufzulösen. Übrig blieben ihre Eltern. Ihre Mutter: besorgt, erschrocken und ängstlich, wie sie sie auf der Geburtstagsfeier erlebt hatte. Ihr Vater: grimmig, unbeherrscht, hochfahrend, aber zwischendurch für einen kurzen Moment auch gütig auf schweigsame Weise, ein Moment, den Michelle so gern festgehalten hätte. Michelle starrte in der Nacht die Wand gegenüber ihrem Bett an. Um das Bild ihres Vaters legte sich ein schwarzer Flor, und von der Seite tauchte das
„Ja, ein bisschen.“ „Und kommst mit dem Auto.“ „Ja. Aber das war das letzte Mal.“ Und Robert wusste, dass er das tatsächlich so meinte. „Du hast mächtiges Schwein bis jetzt gehabt. Dass du noch nie erwischt worden bist.“ „Stimmt. Es war auch das letzte Mal. Ich lege mich ein bisschen hin.“ Er ging zu ihr, strich ihr übers Haar und küsste sie zärtlich. Dann zog er sich aus, stieg unter die Dusche und ging dann ins Bett, und zum ersten Mal seit langer Zeit schlief er sofort ruhig und friedlich ein. Michelle und Robert trafen sich im Büro wieder und saßen bei der Abrechnung einen Moment lang schweigend beisammen. Beide waren sie in den letzten Tagen und Stunden ihren Gedanken gefolgt und hatten ihre Schlüsse gezogen, auf völlig verschiedene Art und Weise. Michelle hatte geglaubt, ihre ursprüngliche Sehnsucht nach Roberts Berührungen wäre kompletter Ernüchterung gewichen, dazu fortan gemischt mit der Angst vor etwas unsagbar Schrecklichem, das sich möglicherweise bald ereignen würde, das mit Robert und ihrer Familie zu tun hätte, auch wenn sie sich den Zusammenhang beim besten Willen nicht vorstellen konnte. Sie hatte noch einmal von der Lawine geträumt, und die Wiederholung des Traumes hatte in ihr entsetzliche Furcht heraufbeschworen. Dieses Mal war es im Traum noch viel schlimmer gekommen – sie selbst war von der Lawine verschüttet worden, und kurz bevor sie im Traum zu ersticken glaubte, war sie schweißgebadet und mit echter Atemnot aufgewacht. Danach hatte sie des Nachts still in ihrem Bett gesessen und die Wand angestarrt. In ihren Gedanken waren: ihre Eltern – ihr Kind – ihre Geschwister – Robert – die Lawine. Flüchtig tauchte Roberts Tochter Steffi auf, aber das verwarf Michelle sehr rasch. Die übrigen Beteiligten sortierten sich nach ihrer
Weise könnte er dann umkommen? Wahrscheinlich bricht er sich das Genick, wenn er Pech hat. Das ist genau die Stelle, an der ich nachhelfen werde. Ich muss also doch an ihn ran. Heftiges Schütteln. Und warum stürzt er ab? Etwas springt ihm zum Beispiel vor's Auto. Oder ein Seil wird hochgezogen. Oder beides. Günstigerweise passiert all das im Winter bei Glatteis. Dann ist da noch dieses Geländer an der Brücke. Das muss man vorher lose machen, sonst stürzt das Auto nicht so ohne weiteres ab. Ansägen oder wie auch immer. Und das alles ohne Spuren zu hinterlassen. Einfach wird das nicht. Wenn das alles nicht klappt – wenn er überlebt – dann hat er einen Denkzettel erhalten. Aber er darf sich dann an nichts erinnern können, was den Plan aufdeckt. Besser also, er überlebt
Methode, um nicht geschnappt zu werden? Eine Schusswaffe wäre gut, wird aber sehr schwer zu beschaffen sein. Überdies kann man ihre Spuren zurückverfolgen. Also was tun. Ihn erschlagen, erstechen, erwürgen? Man müsste dicht an ihn heran, es gäbe den Kampf, und ich hätte eine maßlose Abneigung gegen diesen engen Kontakt. Und würde seine Augen sehen. Robert schüttelte sich. Viel besser wäre ein sehr großer Abstand. Das Allerbeste wäre übrigens – ein Unfall! So dass man gar nicht erst nach einem Mörder fahndet. Das ist es, dachte er erleichtert. Nun fielen ihm die Wege um Michelles Heimatdorf ein, die engen hohen Straßen, auf denen – zumal im Winter – alles mögliche passieren konnte und auch schon passiert war, wie ihm Michelle einst erzählt hatte. Ich muss erfahren, wann und wie er frühmorgens zur Arbeit fährt, überlegte Robert. Und das werde ich herauskriegen. Ich muss wieder zu Michelle und dort übernachten, und dann muss ich in aller Frühe dem Vater folgen, wenn er zur Arbeit fährt. Das ist zu schaffen. Nehmen wir mal an, er fährt von ihrem Dorf über das Dorf X in die Stadt, und dann muss er über diese kleine Brücke, und von dort könnte man sehr leicht in den kleinen Fluss stürzen. Ja, ich glaube er fährt über diese Brücke. „Wir fahren hier alle lang“, hatte Michelle erzählt, „ist 'ne wahnsinnige Abkürzung.“ Falls er also in den Fluss stürzt, muss das noch lange nicht tödlich sein. Hier kommt es vielleicht drauf an, ein bisschen nachzuhelfen. Wieder schüttelte sich Robert heftig und trank in langen Zügen den Whisky. Seine Gedanken hatten aber eine Eigendynamik entwickelt, die sich nicht aufhalten ließ. Das ist fast wie eine Lawine, die ins Tal rollt, dachte er. Die holst du nicht mehr zurück, wenn's erstmal losgegangen ist. Überlegen wir also weiter. Wenn jemand mit dem Auto ein paar Meter abstürzt, auf welche
ihr Bruder sie missbraucht haben. Der abgrundtiefe Hass auf den Hauptschuldigen, den Vater. Die Erkenntnis, dass du dieses Gefühl, diese Liebe und Sehnsucht, gleichzeitig die absolute Aussichtslosigkeit nie wieder loswirst. Und aussichtslos ist es, solange der Vater lebt. Welche Waffe brauche ich und werde ich seine Augen sehen? Wie glaubhaft sind meine Argumente? Was zum Beispiel würde passieren, wenn ich ein alleinstehender Mann wäre? Und mit meinem Geld die Michelle dort wegholen würde? In diesem Moment begann Robert zu frieren. Er holte die Flasche hervor und nahm einen sehr langen Zug, dann starrte er wieder auf die Ameisen und versuchte sich an seine letzten Gedanken zu erinnern. Es fiel ihm jedoch nur noch ein: Welche Waffe brauche ich? Welches ist die richtige
„Denkst du im Ernst drüber nach jemanden umzulegen?“ „Irgendwie schon. Interessiert mich, wie das ist.“ „Ich lege dir das Magazin da hin. Ich geh' jetzt runter und erzähle keinem was. Du kannst nachher noch was trinken. Hast du noch lange Dienst?“ „Noch 'ne Stunde.“ „Also mach's gut.“ Und Robert war gegangen und hatte während der ersten Schritte auf das Geräusch des einrastenden Magazins und möglicherweise auf das Durchladen der Waffe gewartet, Geräusche, die er gut kannte – auf ihn hatte man auch schon angelegt, als er im Arrest gesessen und sich geweigert hatte, jedwede Arbeit nach Schlafentzug und ohne Frühstück durchzuführen. Aber der Wachmann war friedlich geblieben. Robert hockte nun im Wald vor dem Ameisenhaufen und überlegte, wie es sein würde, jemanden zu töten. Eine Melodie durchsummte seinen Kopf. Was ist das? fragte er sich. Ach ja. Beethovens Sechste. Die „Pastorale“. Die Natur. Was mir alles so immer einfällt. Dieser Mann, den ich töten werde: Hat der auch einen Musikgeschmack? Pah, wenn schon. Vielleicht Volksmusik. Oder so. Und fertig ist das Todesurteil. Die Gedanken wimmeln weiter wie die Ameisen. Du bist ein Faschist, wenn du so denkst. Glaubst du, du wärst was Besseres mit deiner Bildung? Eines der schlimmsten Kulturverbrechen – der Nazis, aber auch anderer Diktatoren – war es, die hohe Kunst für ihre Ideologie zu missbrauchen. In Israel spielen sie deshalb bis heute keinen
„War Geikelei.“ „Sah aber nicht so aus.“ „Mein Alter hat mal einen umgelegt. Der hat mir erzählt, wie das ist. Zuerst muss man vielleicht kotzen. Einer kotzt, der andere nicht. Aber dann gewöhnt man sich an die Tatsache.“ „Kommt vielleicht drauf an, wie die Situation ist. Mein Opa hat auch mal einen erschossen. Er war Soldat in Norwegen und hat Brot gebacken, und da waren russische Gefangene, die haben entsetzlich gehungert. Hat also mein Opa denen heimlich Brot gegeben. Kommt eines Tages so'n Feldwebel, überzeugter Nazi...“ – „... jaja, die waren so schlimm wie heutzutage die Roten...“ – „... und sagt zu meinem Opa: 'Ich scheiße dich an. Dass du den Gefangenen heimlich Brot gibst.' Setzt sich in den Jeep und fährt los. Mein Opa, guter Skifahrer, schneidet ihm auf Skiern den Weg ab. Stellt ihn zur Rede. Und der bleibt dabei: 'Ich scheiße dich an.' Da hat ihn mein Opa erschossen und im Schnee verscharrt.“ „Geile Geschichte. Gibst du mir jetzt das Magazin?“ „Wenn du vernünftig bist.“ Der Gefreite mit seinen Taschen war inzwischen außer Sichtweite. Robert hatte den betrunkenen Wachmann angeblickt und versucht einzuschätzen, inwieweit sie sich inzwischen angefreundet hatten – wie groß das Risiko war, ihm das Magazin wiederzugeben. Tödliche Unfälle und Streitereien mit tödlichem Ausgang waren bei der NVA nichts Ungewöhnliches gewesen.
komm her!“ und sein Kamerad hatte sich zögernd auf ihn zubewegt. „Was hast du in den Taschen!“ – Es wurden die Flaschen vorgezeigt, und der Wachsoldat hatte gefordert: „Lass eine von den Flaschen hier!“, doch sein Kamerad sagte: „Ich denke, du hast genug“ und bewegte sich weiter auf die Unterkünfte zu. Sie saßen nebeneinander, Robert und der betrunkene Wachsoldat, und blickten dem Gefreiten mit seinen zwei Taschen hinterher, der gerade vier oder fünf Schritte gemacht hatte, als der Wachsoldat die Kalaschnikow durchlud, entsicherte und auf den Rücken seines Kameraden zielte. „Bist du wahnsinnig!“ war es Robert entfahren. Er griff nach dem Magazin der Waffe und holte es mit einer flüssigen Bewegung heraus, aber der Wachmann grinste: „Eine Kugel ist im Lauf.“ Er zielte weiter auf den Rücken des Gefreiten, der sich nicht umdrehte, sondern mit langsamen Schritten weiterging. Robert begann auf den Wachsoldaten einzuschwatzen: „Sei nicht wahnsinnig was soll die Scheiße mach dich nicht unglücklich dafür stellen sie dich an die Wand du bist vergattert und jetzt besoffen und willst auf einen schießen dafür gibt's Todesstrafe ich hab' die Paragraphen im Strafgesetzbuch gesehen hat mir der dämliche Hauptmann gezeigt als er mich einschüchtern wollte weil ich auch besoffen im Dienst war aber bei dir kannste Gift nehmen ziehen sie das durch da reicht der Armeeknast in Schwedt nicht und auch nicht lebenslänglich du kriegst Todesstrafe wenn du jetzt schießt überhaupt was soll die Scheiße war
Robert hatte zwei Tage später seinen Kofferraum voll Alkohol gepackt und war auf eine Autobahnraststätte gefahren, die an einen Wald grenzte. Nachdem er eingeparkt hatte, trat er an den Kofferraum, blickte sich um und steckte eine der Flaschen in die Jacke. Nun spazierte er in den Wald hinein. Er überlegte: Brauche ich eine Waffe? Er schlenderte über eine herbstbeschienene Lichtung und dachte abstrakt über die Möglichkeiten nach, an Schusswaffen zu kommen. Während er gelegentlich trank, betrachtete er die Natur, schaute einem Vogel hinterher und kauerte sich schließlich vor einen Ameisenhaufen. In seinem Kopf herrschte Chaos, und als er das Gewimmel der kleinen Tiere betrachtete, fiel ihm ein: Genauso so ist es oft mit unseren Gedanken: Sie wimmeln hin und her, wie diese Ameisen, zum Teil ohne Sinn, einfach um Energie umzusetzen. Man denkt jedoch, es gibt ein Ziel in diesem Gewimmel, etwas anderes möchte man auch gar nicht glauben. Vielleicht bauen die Ameisen die ganze Zeit an ihrem Haus. Vielleicht suchen unsere Gedanken die ganze Zeit die Wahrheit. Ich weiß, die Menschen suchen die Wahrheit. Obwohl diese doch eigentlich (wenn sie mal gefunden wird), stets sehr unbeliebt ist. Aber die richtige Wahrheit ist auch sehr schwer zu finden in all dem Geschwätz, das wir von uns geben. Am ehesten findest du sie noch in einer Suite von Johann Sebastian Bach. Brauche ich eine Waffe? Und werde ich den Mann sehen, wenn er stirbt? Werde ich womöglich seine Augen sehen?
„Wenn du doch nur nachdenken könntest... damals, unser Vater... und er hat dich doch auch...“ „Niemand! Will! Es! Hören!“ Er hob nochmals den Zeigefinger und blickte zur Untermalung abwechselnd Michelle und die Mutter an. „Und Schluss.“ „Und Schluss.“ Michelle lachte höhnisch. „Schluss Schluss Schluss. Na gut. Ich hab's versucht. Habe ich mir noch irgendwas vorzuwerfen?“ Sie blickte Mutter und Bruder an und empfand deren Blicke zurück als blödes Glotzen. Nun dachte sie an Robert und gleichzeitig an ihren Vater und fühlte schlagartig eine grenzenlose, panische, rational nicht erklärbare Furcht. Sie beschloss zu ihrem Kind zu gehen, mit dem Wunsch, Soraya zu beschützen. Dann fiel ihr der Traum von der Lawine ein, und mit rasendem Herzen setzte sie sich nieder und bedeckte mit den Händen ihre Augen und schüttelte sich und fühlte, dass wahrscheinlich alles verloren war.
„Wir waren dort oben auf dem Dachboden...“ „Du lässt es!“ Er trat in der engen Küche einen Schritt auf Michelle zu, und nun sah sie in seinen Augen das unheilvolle Drohen, das sie nur zu gut von ihrem Vater kannte. „Ich lasse es nicht. Mutti, der Sven und ich waren...“ „Gut“, sagte Sven kurz und entschlossen. „Dann fahren wir jetzt nach Hause. Das war's. Und so schnell seht ihr uns nicht wieder. Werdet fröhlich miteinander, ohne mich.“ Die Mutter machte eine Geste, die wirkte als wolle sie ihre beiden Kinder in die Arme schließen, aber beide rückten – nahezu gleichzeitig – einen Schritt von ihr weg. „Ich will dieses Gespräch nicht“, keuchte die Mutter. „Ich will ein einziges Mal an meinem Geburtstag
„Nein. Denn du sagst nie etwas. Mein ganzes Leben lang hast du nie was gesagt. Egal was passiert ist. Ob der Vater uns verdroschen hat oder der Sven nachts in mein Zimmer kam, nie hast du was gesagt. Und weißt du was, jetzt sage ich es dir: Er kam eines Nachts, und ich habe dich auf dem Flur gehört. Und habe gedacht, jetzt kommst du endlich rein, und der Spuk geht vorbei. So, jetzt weißt du's!“ Die Mutter hob die Hände zum Gesicht. Michelle stand vor ihr und starrte sie an. In diesem Moment ging die Tür auf, und Sven trat mit einem leeren Bierglas in der Hand herein. „Ach so“, murmelte er, „ihr quatscht wohl grade. Wollte nur das Glas abstellen.“ Er drehte sich wieder zur Tür, aber Michelle sagte leise: „Bleib hier, Sven.“ Ihr Bruder stand still da und vergaß, sein Glas hinzustellen. „Weißt du, Sven, was unsere Eltern denken? Was alle denken? Weißt du's?“ „Nee. Ich weiß jetzt nicht... ich wollte auch wieder reingehen.“ Er stellte sein Glas auf den Küchentisch, aber Michelle hielt ihn am Arm fest. „Bleib hier.“ Sven blickte auf ihre Hand an seinem Arm, bis sie ihn losließ. „Ich möchte es der Mutter jetzt sagen.“ Sven hob den Zeigefinger in Michelles Richtung: „Du lässt die alten Geschichten!“
Die Mutter schwieg. „Kann ich dich mal was fragen?“ Die Mutter zuckte mit den Schultern. „Meinst du wirklich, die Soraya hätte... also, wenn die beiden Kinder... die kleinen Kinder!“ Die Mutter wandte sich ab und ordnete irgendwas in der Küche, das es nicht zu ordnen gab. Michelle war versucht, sie an den Schultern zu fassen und zu sich herumzudrehen. „Ich war mit dem Rene baden, ja gut. Schau mich doch bitte mal an! Mutti! Wir waren mit meinem Auto unterwegs, weil er in die Stadt musste, es war furchtbar heiß, dann sind wir an den Baggersee, und die Stelle wo wir baden gegangen sind war halt nur FKK, und Badesachen hatten wir auch keine. Also sind wir kurz mal reingesprungen.“ „Er hat's erzählt. Und ganz komisch gekuckt.“ „Da habe ich gleich mal 'ne ganz andere Frage. Weiß er das auch ... vom Sven und mir...“ „...was denn...“ „Tu doch nicht so!“ Michelle spürte, wie eine schwere Verbitterung in ihr hochstieg. „Du weißt es und jeder weiß es und weiß es auch der Rene? Oder nicht?!“ Die Mutter blickte ihr nun in die Augen. „Michelle. Was hast du dir bloß dabei gedacht.“ „Was – habe – ICH – mir – gedacht?!“ Die Mutter, erschrocken und hilflos gegenüber Michelles Wut, wandte sich wieder ab und rückte unbewusst in eine Ecke der Küche, weg von Michelle. „Also.“ Michelle trat auf sie zu, und die Mutter drückte sich gegen den Schrank. „Du denkst also wirklich, ich hätte Schuld an allem!“ „Das habe ich ja nicht gesagt...“
Der Vater stand nun dicht hinter ihnen und brummte: „So'n Quatsch.“ Michelle rührte sich nicht. Der Vater trat noch einen Schritt an die beiden heran, dann legte er seine große Hand auf Michelles Schulter. Die Haare standen ihr zu Berge, aber sie rührte sich weiterhin nicht. So verharrten die drei für einige Momente stumm und vollkommen reglos und sannen ihren Empfindungen nach. Schließlich bewegte sich der Vater sacht und vorsichtig nach hinten weg, drehte sich um, fast ohne ein Geräusch zu machen, und ging hinein. „Komm“, sagte Michelle zu Soraya, „wir gehen zu den anderen. Nach dem Abendbrot bringe ich dich rüber.“ „Mutti! Warum ist Tante Angela so böse zu mir?“ (Die Schwägerin). „Vielleicht hat sie sich über irgendwas geärgert. Mit dir hat es wohl nichts zu tun.“ Soraya dachte über diese Aussage nach und beschloss, ihrer Mutti zu vertrauen. Sie gingen ins Haus, die Kinder spielten wieder zusammen, und Michelle machte sich auf in die Küche, wo sie richtig ihre Mutter vermutete. „Kann ich dir was helfen?“ „Eigentlich bin ich fertig. Willst du nicht reingehen zu den anderen?“ „Eigentlich nicht. Diese blöde Diskussion von der Angela... wegen Soraya und dem Benny...“