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Auswanderer nach dem Krieg: Von der Eifel nach Kanada

Auswanderer nach dem Krieg: Von der Eifel nach Kanada


Von Ursula Tillmann

       Sie sitzen in ihrerm Wohnzimmer in kanadischen Alberta und schütteln beide den Kopf. “Es musste ja so kommen. Jeder hat hier in Saus und Braus gelebt, und alle auf Pump,” sagt Paul Bräutigam (83). Seine Frau Barbara (81) nickt. “Diese Wirtschaftskrise ist erst der Anfang und doch gar nichts im Vergleich zu den Entbehrungen, die ein Mensch ertragen kann.” Die Beiden wissen wovon sie reden. Paul und Barbara gehören zu den ersten deutschen Einwanderern die Anfang 1950 nach Kanada kamen.  An Bord der Arosa Kulm, einem alten Frachter unter italianischer Flagge verliessen sie in 1952 mit 1200 Auswanderern Bremerhaven Richtung Montreal. “Wir sind nicht ausgewandert, um reich zu werden, aber um unseren Nachkommen ein neues Leben zu ermöglichen”, sagt Paul, “eine neue Heimat auf fremden Wiesen.”
    Die Bräutigams gehören zu den rund 1,2 Millionen Deutschen, die zwischen 1950 bis 1969 der Heimat den Rücken kehrten. 775 000 gingen in die USA, rund 300 000 kamen nach Kanada. Erst ab 1951 war es Deutschen wieder erlaubt in Kanada einzuwandern. Die Zahl der Deutsch-Kanadier liegt heute bei etwa 3,2 Millionen Menschen, darunter jedoch auch zahlreiche deutsch-stämmige aus Ost Europa und Russland. Paul und Barbara stammen aus der Eifel,  zwei Kilometer von der belgischen Grenze entfernt. Er hat sechs Geschwister, sie acht. Armut und Entbehrungen gehörten zum Nachkrieg -Alltag. Die wenigen Morgen Acker beider Familien brachten nicht
genug Erträge, um alle Familien-Mitglieder zu ernähren. Die Gemeinden Kerschenbach und Auw waren streng katholisch. “Wir hatten kaum etwas zu essen,” sagt Barbara, “aber die Mutter hat mich immer zum Pastor geschickt, um ihm als Geschenk ein halbes Dutzend Eier zu bringen.” Sie grinst bei diesen Worten. “Ich war so hungrig, da habe ich im Wald eines Tages vier der Eier selber verzehrt, aus lauter Wut.”
    “Wir dachten Anfang 1950,  dass es niemals in Deutschland besser werden würde,” begründet Paul den  Entschluss zur Auswanderung.  Er war als 18jähriger in Belgien mit der Luftwaffe stationiert. In der Gefangenschaft bei den Engländern von 1944 bis 1948 lernte er perfekt Englisch. Diese harten Jahre wurden später zu seinem Vorteil, denn er war einer der wenigen, der sich in der neuen Welt mit der Landessprache von Anfang an durchschlagen konnte.
   “Wir hatten keinen Pfennig und konnten gerade mal die Bordkarten und Landegebühr in Kanada bezahlen,” sagt Barbara. Mit ihrem Mann und Baby Manfred kostete die Passage nach Nord Amerika 385 kanadische Dollar. Von Montreal ging es per Zug weiter Richtung Westen, bis Alberta, wo die Bräutigams sich niederliessen. Es gab keine Arbeit. Ihr erstes Geld verdienten sie sich mit dem Ausgraben von Würmern in Weiden. Bereits um vier Uhr morgens machten sie sich mit Schaufeln auf den Weg, um bei der Öffnung der Angelgeschäfte als Erste ihre Ware verkaufen zu können.
   “Wir hatten keine Erwartungen, aber wir haben auch niemals auf Almosen gewartet,” sagt Paul. Im Gegenteil. Sie halfen hunderten von Immigranten aus Italien, Deutschland und Polen. In späteren Jahren holten sie weitere Familien-Mitglieder und Freunde nach Kanada - Meschen, die ihnen 1952 gesagt hatten sie seien “verrückt”, Deutschland zu verlassen. “Wir haben es niemals bereut, nach Kanada zu gehen. Wir haben unseren Traum gelebt, unsere Wanderlust brachte uns auf fremde Weisen, die zur Heimat wurden,” sagt Paul. Doch das war nicht immer so. Die Anfänge in der neuen Welt waren voller Entbehrungen und auch Hunger. Bis in die 60er Jahre gab es kaum gute Arbeitsmöglichkeiten. Überall waren Lay-offs. Und gebürtiger Deutscher zu sein, war auch von Nachteil. Die Nachkriegs-Wehen in Nord-Amerika für Immigranten aus Italien, Japan und Deutschland waren oft unerträglich, betont Paul. Von der Suche nach Arbeit bis hin zu den Übergriffen auf seine Kinder, die Deutschen waren gebranntmarkt.
    “Wenn am Abend ein Kriegsfilm im Fernsehen gezeigt wurde, bekamen meine Kinder das am nächsten Tag in der Schule zu spüren.” Sie wurden verprügelt, die Kleidung wurde zerrissen, die Brillengläser zerschlagen.”
    Ganz in der Nähe ihres Dorfes Exshaw - zwischen Calgary und Banff, ist das Kananaskis Country. Während des Krieges wurden nicht nur rund 38 000 deutsche Kriegsgefangene aus Europa und Nord Afrika in Alberta untergebracht, in Kananaskis waren auch mehr als 800 Deutsch-Kanadier inhaftiert. Viele waren in Kanada geboren und sprachen kein Deutsch. Einigen wurde vorgeworfen mit Hitler zu sympatisieren, andere wurden einfach nur denounziert und kamen  ohne konkrete Beschuldigungen und Verfahren ins Lager. 
      Erst in 1947 wurde in Kanada die Staatsbürgerschaft eingeführt. So war es nicht verwunderlich, dass in 1940 eine freiwillige Gruppe von britischen Veteranen des ersten Weltkrieges (VVR) etabliert wurde, die nach Lust und Laune sogenannte Staatsfeinde benennen konnte. Viele Deutsche und auch Italiener verloren ihre Jobs und Ansehen, andere kamen in die Haft in Kananaskis.
   Paul und Barbara gehen heute noch oft in diese Wälder am Fusse der kanadischen Rocky Mountains und pflücken wilde Erdbeeren dort, wo heute nur noch ein paar Zementpfeiler Zeugen der Geschichte sind. Die grössten Gefangenenlager für Deutsche waren im Süden von Alberta, in Lethbridge. Es war eine schmerzhafte Zeit, in der viele Deutsche auch ihre Namen änderten oder sogar behaupteten, sie seien aus Schweden oder Norwegen.  Die Mitgliedschaft in Deutsch-Kanadischen Clubs wurde geringer, und in der Öffentlichkeit benahmen sich viele Deutsche so unauffällig wie möglich, um nicht zum Mittelpunkt neuer Angriffe zu werden.
        “Wir haben uns nie geschämt, Deutsche zu sein,” sagen Paul und Barbara. Sie lehrten ihre Kinder und Enkel “gerade drum” die deutsche Sprache und Tradition. “Es waren ja auch unsere Werte, die wir dem Nachwuchs vermittlen wollten,” sagen beide. Nach 57 Jahren in der neuen Welt, sagen die Bräutigams,  haben sie noch keinen Tag ihre Entscheidung zur Auswanderung bereut. Reich sind sie nicht geworden, aber glücklicher als wohl die meisten Menschen im Dorf Canmore, wo sie jetzt leben. Paul bekommt eine kleine Pension von einer Zementfabrik, wo er im Labor gearbeitet hat. Ihren sparsamen Lebensstil haben sie nicht verändert. Sie kommen mit wenigem aus.  Meistens holen sie auch heute noch Fremde, die nur mit einem Rucksack durchs Dorf ziehen, in ihr Haus und kochen eine Mahlzeit “German-style”. Barbara bindet sich dann eine Schürze um, wie sie es aus der Eifel gewohnt ist. Und mit Paul redet sie dann in Eifeler Mundart. “Die Wirtschaftskrise da draussen spüren nur Verschwender. Für uns hat sich nichts geändert,” sagt Paul.

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  • geschrieben auf Webnews

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